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Traumberufe (5) : Zurück zu den Wurzeln

  • -Aktualisiert am

Kräftig zupacken im Frisörsalon Hairpoint Bild: Kai Nedden / F.A.Z.

Fast meine ganze Schulzeit lang habe ich mit einer Friseursausbildung geliebäugelt. Dann kam doch alles ganz anders. Dennoch: Friseure und Journalisten haben mehr gemeinsam, als man denkt.

          Die Natur wollte eine Friseurin aus mir machen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie bei mir so knauserig war. „Sie haben sehr feine Haare. Aber dafür sehr viele!“ Diesen Trost höre ich seit Jahren von Friseuren, wahrscheinlich lernen sie das in der Berufsschule.

          Eine Glückssträhne hatte ich nicht immer bei der Wahl meiner Frisuren. Deswegen interessiere ich mich auch so sehr dafür, wie andere sich auf diesem Gebiet schlagen. Mein erster Blick geht immer auf die Haare. Wie viel Gel sich Interviewpartner auf den Kopf schmieren, ob sie färben, föhnen oder wuchern lassen, das sagt mir oft mehr als ihr Mund.

          Wenn die perfekte Frisur zur Glaubensfrage wird, dann liegt eine Laufbahn als Missionarin nahe: Manche Freundin habe ich zu „Change“ in ihrem Haupthaar bekehrt. Und fast meine ganze Schulzeit habe ich mit einer Friseursausbildung geliebäugelt. Vor 15 Jahren betrat ich das erste Mal den Salon Hairpoint, gelegen an einer Ausfallstraße meiner rheinischen Heimatstadt Siegburg. Die zehn Tage als Schülerpraktikantin markierten den Anfang, aber auch das Ende meiner Karriere als Coiffeuse. Wieso eigentlich? Um diese Frage zu klären, kehre ich für einen Tag zu Hairpoint zurück, zu meinen Haar-Wurzeln sozusagen. Nach Feierabend werde ich wissen, was mich von Waschbecken und Wicklern entfremdete.

          Den „Wischiwaschi-Griff” mögen die Kunden nicht

          Sieben Frauen, keine Männer

          Elke Reuber ist noch immer die Chefin des Salons. Ihre kastanienbraunen Haare trägt sie heute viel kürzer, stelle ich fest, und statt der Dauerwelle hat sie kupferrote Strähnen. Sieben Frauen arbeiten für Frau Reuber, keine Männer. „Die werden von den Kunden einfach nicht angenommen.“ Und Hairpoint hat fast nur Stammkunden. Eher lässt Frau Reuber einen Meister gehen als einen Kunden. Die meisten begrüßt sie mit Namen, viele duzt sie, mit manchen ist sie befreundet. Lange Beratungsgespräche höre ich an diesem Tag selten, dafür nur: „Wie immer!“ Aber Hairpoint hat auch Laufkundschaft und manchmal eine ganz besondere: Nur wenige Gehminuten entfernt liegt die Justizvollzugsanstalt Siegburg. Mancher entlassene Häftling lässt sich von Elke Reuber einen neuen Look verpassen, bevor er sich unter die Leute traut.

          Mein erstes Opfer ist Frau Seifert, ich darf ihre kurzen, gelblich-weißen Haare waschen. Kollegin Alexandra steht sprungbereit am Becken und gibt Anweisungen. Die Wassertemperatur auf dem Handrücken testen, mit der Hand das Gesicht abschirmen, und Wasser marsch. Ein dünnes Rinnsal verschwindet hinter dem Ohr der Kundin. Jetzt schnell ablenken! „Gell, Frau Seifert, ich darf Sie einseifen!“ Frau Seifert kichert. Zum Dank biete ich ihr eine Kopfmassage an. „Feste zupacken, die Kunden mögen das. Nicht so ein Wischiwaschi-Griff“, kommandiert Alexandra. Ich reibe den Schaum energisch über die Kopfhaut, Frau Seifert verzieht keine Miene.

          Hände wie Sandpapier

          Wenig später fühlen sich meine Hände an wie Sandpapier. Ich erfahre, dass ich gegen die TRGS 530 verstoßen habe, die Technischen Regeln für Gefahrstoffe im Friseurhandwerk. Für Haarwäschen gilt Handschuhpflicht. Macht nichts, in der Redaktion verstoße ich sicher dauernd gegen Rücken- oder Augenschutzrichtlinien. Trotzdem entdecke ich den ersten Haken meines Traumberufs: „Schon mal eine alte Friseurin gesehen?“, fragt Frau Reuber.

          Tatsächlich nicht, dafür viele reife Journalisten. Einst gehörte es sich für Reporter, im besten Alter an Alkohol, Zigaretten oder Stress zugrunde zu gehen. Inzwischen haben in den Redaktionen verdächtig viele Yogis und Vegetarier auf rückenschonenden Gummibällen Platz genommen. Wer nur will, kann durchhalten bis zur Rente mit 67. Friseure kämpfen mit Hautkrankheiten, Asthma, Krampfadern und kaputten Rücken. Ab 40 schulen viele schon um.

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