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Traumberufe (4) : Mein Traum vom Fliegen

Air Berlin 2242 cleared for take-off... Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Air Berlin 2242 steigt durch die Wolken, dorthin, wo die Freiheit wohl grenzenlos sein muss, wie Reinhard Mey gesungen hat. Mein Kindheitstraum Pilot - ein Traumberuf! Wenn bloß das frühe Aufstehen nicht wäre und wenn... Folge 4 unserer Serie über Traumberufe im Test.

          Mark Hoffmann lächelt nur milde, als wir uns für den nächsten Morgen verabreden. Freitag um 5.45 Uhr soll ich aufstehen, um 6.15 Uhr frühstücken, um 6.30 Uhr ist Abfahrt zum Flughafen. Ich nenne das „mitten in der Nacht“, Mark nennt das „Mitteldienst“. Am Donnerstag war er schon um 4 Uhr früh aus den Federn, hatte das erste Flugzeug um 6 Uhr übernommen. Als Pilot, das wird mir schnell klar, lebt man in einer anderen Zeit. Und zwar jeden Tag. Mal muss er vor der Sonne aufstehen, mal mittags anfangen. Acht bis zehn Nächte im Monat verbringt er in Hotels. Mal hat er einen Tag in der Woche frei, mal zwei, selten drei hintereinander.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die Unregelmäßigkeit ist Programm. An welchen Tagen er im kommenden Monat Dienst hat, erfährt er um den 25. des Vormonats. Urlaub bekommt er in diesem Sommer überhaupt nicht, jedenfalls nicht in den Schulferien seiner Kinder, denn Mark ist kein Pilot der ersten Stunde von Air Berlin, für die er an diesem Freitag eine Boeing 737-700 von München nach Heraklion steuert, sondern ein Übernommener. Er kam mit der inzwischen aufgelösten Gesellschaft dba in die Berliner Firmenheimat, wo sie ihm kurzerhand zwei Drittel seiner Seniorität gestrichen haben.

          Der staunende Beobachter lernt, was Hierarchie in der Luftfahrt bedeutet, denn nun dürfen sich erst alle dienstälteren Kollegen ihre freien Tage wünschen. Und einen ordentlichen Teil seines Gehalts haben sie ihm auch genommen, als er zum Air Berliner wurde. Mark lächelt trotzdem, er weiß auch die Annehmlichkeiten einer so angesehenen Gesellschaft zu schätzen, und vor allem: Er ist Pilot aus Leidenschaft. In mir macht sich etwas Ernüchterung breit. Mein Kindheitstraum, doch kein Traumberuf?

          ... Bremsen los und mit den Hebeln Schub rein

          „Ist nur Regen. Gewitter sehen anders aus“

          Am Freitag um 7 Uhr schüttet es wie aus Eimern. Mark macht den obligatorischen Rundgang um das Flugzeug. Sicherheit kennt keine Kompromisse. Zurück an Bord sieht er aus, als hätte er ein zweites Mal geduscht. In meinem mitleidigen Blick glaubt er wohl leichte Sorge zu erkennen und beruhigt: „Ist nur Regen. Gewitter sehen anders aus, die kenne ich aus der Karibik“. Ich bin gar nicht besorgt, voller Vorfreude gespannt wäre der bessere Ausdruck. Mark und sein Copilot Martin machen die Sicherheitschecks, programmieren den Flugcomputer – Dutzende mit Bedacht und der Routine von 12.000 Flugstunden gesetzte Handgriffe.

          Die Passagiere kommen an Bord, hinter uns fällt die Cockpittür ins Schloss. Mark lässt die Triebwerke an, wir rollen und melden uns abflugbereit. Dieser Blick auf die Startbahn, immer wieder ein Genuss. Air Berlin 2242 steigt durch die Wolken in die Sonne, dorthin, wo die Freiheit wohl grenzenlos sein muss, wie Reinhard Mey gesungen hat. Mein Kindheitstraum, ein Traumberuf!

          Jedes Wochenende am Knüppel

          Mark und ich kennen uns seit fast 30 Jahren. Nach dem Abitur haben wir uns etwas aus den Augen verloren, dabei hätten sich unsere Wege wahrlich öfter kreuzen können. Er hat eine kaufmännische Lehre bei Mercedes-Benz absolviert, ich eine Banklehre in der Dresdner Bank. Mark hat danach das Studium der Betriebswirtschaft angefangen, ich war noch zwei Jahre in der Bank, dann habe auch ich Betriebswirtschaft studiert. Mark wollte fliegen, seit er im Alter von 11 Jahren ins Cockpit einer Boeing 707 auf dem Weg nach Saudi-Arabien durfte. Wann mich der Wunsch heimsuchte, weiß ich nicht mehr genau.

          Während der Lehre entdeckte ich einen Segelflugplatz voller netter Leute in Tannheim im Allgäu – schon saß ich jedes Wochenende am Knüppel. Beide hatten wir das gleiche Problem: Den Test bei der Lufthansa haben wir nicht bestanden. Der private Flugschein in Deutschland aber war teuer und dauerte lang. Und beide hatten wir dieselbe Lösung: Amerika. Mark ging nach Florida, ich nach Savannah/Georgia. Ich bin nach bestandener Prüfung für die kleinen Propellermaschinen zurückgekehrt an die Hochschule, Mark hat das Studium aufgegeben und mit der Fliegerei weitergemacht. Nun trennten sich endgültig unsere Wege.

          Mark kehrt einige Zeit später als Fluglehrer nach Deutschland zurück, schon mit einigen tausend D-Mark Schulden belastet, was ihn nicht wirklich sorgt. „Ich dachte, wenn ich erst den Schein habe, kann ich Geld verdienen“, sagt er. Tatsächlich gibt es Schwierigkeiten mit der Anerkennung durch das Luftfahrtbundesamt, einige Prüfungsteile muss er wiederholen, und Jobs gibt es auch nicht in Hülle und Fülle. Mark hält sich mit der Ausbildung von Piloten in einem amerikanischen Flugclub in der Nähe von Darmstadt über Wasser, bis der Irak-Krieg dem Club zusetzt und die Amerikaner anderes zu tun haben. „Da habe ich erst mal Urlaub gemacht in der Dominikanischen Republik“.

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