https://www.faz.net/-gyl-139ef

Traumberufe (2) : Grisu ist schuld

„Natürlich nimmt man was mit nach Hause”: Jörg Bartling ist seit einem Vierteljahrhundert als Feuerwehrmann im Einsatz Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Der feuerspuckende Comic-Drache Grisu muss nachhaltigen Einfluss auf meinen Kinder-Berufswunsch hinterlassen haben: Feuerwehrmann wollte ich damals werden, wie so viele technikbegeisterte Jungen. Wie das wohl gewesen wäre? Teil 2 unserer Serie über Traumberufe der Kindheit.

          Grisu muss schuld gewesen sein. Sie wissen schon, dieser kleine Comic-Drache aus dem Fernsehprogramm des vergangenen Jahrhunderts, der ebenso hartnäckig wie erfolglos gegen seine Natur als Feuerspucker ankämpfte und trotzdem jede Folge jauchzend mit dem Satz beendete: „Ich werde Feuerwehrmann!“ Soweit ich mich erinnern kann, ist Grisu aber nie Feuerwehrmann geworden. Oder doch? Ich jedenfalls nicht. Aber eine Zeitlang wollte ich es. Wie wohl jeder halbwegs technikbegeisterte Junge. Nach dem Lokführer und vor dem Astronauten eben. Oder umgekehrt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Jörg Bartling ist Feuerwehrmann geworden. Gerade kommt er von einem Einsatz zurück und schält sich aus seiner dicken Jacke heraus, den Helm hält er in der Hand. „Ein Fehlalarm“, sagt der Sechsundvierzigjährige, das kommt dauernd vor. „Man gewöhnt sich dran.“ In 90 Prozent der Fälle lösen Brandmeldeanlagen den Alarm aus, so wie diesmal auch. Und meistens liegt ein Irrtum vor. Klingt ja ziemlich unspektakulär. Oft werde vor Bauarbeiten vergessen, die sensible Technik auszuschalten. In einem einzigen Frankfurter Hochhaus seien Tausende solcher elektronischer Wachposten montiert. Schmunzelnd erzählen die Feuerwehrleute auch von den Einsätzen in großen Hotels. Die Vorliebe asiatischer Gäste für extrem heiße Duschen lasse oft die Kameras in optischen Meldern anschlagen.

          „Brandmelder, Parkhaus City“

          Bartling ist seit 7 Uhr in der Früh im Dienst. Den Weg von seinem Wohnort Offenbach zum Arbeitsplatz in der Feuerwache 2 des Frankfurter Stadtteils Gallus bestreitet er wenn irgend möglich mit dem Fahrrad. Das sei gut für die Fitness, findet der großgewachsene, robust wirkende Mann, der auf mich einen fast jugendlichen Eindruck macht. Und Fitness ist unerlässlich in seinem Beruf. Denn wenn der kleine Piepser an seinem Hosenbund das Kommando gibt, dann muss er alles stehen und liegen lassen und zum Einsatz. So wie jetzt schon wieder.

          „Der Adrenalinschub ist auch nach 25 Jahren jedesmal da”

          „Brandmelder, Parkhaus City“, läuft über den Ticker. Die Meldung kommt aus der Frankfurter Einsatzzentrale. Geht dort ein Notruf ein, werden in Windeseile Teams aus den gerade verfügbaren Wagen aller Frankfurter Wachen zusammengestellt. Für Bartling und seine Kollegen heißt es nun: Tempo. Früher rutschten die Brandbekämpfer noch an Stangen aus ihren Quartieren in die Wagenhalle. Doch seit man festgestellt hat, dass die Dienstkleidung dort stark mit Dieselrußpartikeln belastet wird, ziehen sich die Männer im Vorraum um, in den man schneller über die Treppe gelangt. Schade, schon wieder so ein Mythos beerdigt.

          „Wie ein Saunagang“

          Sobald die Männer in voller Montur im Löschfahrzeug sitzen, fährt das Rolltor hoch und draußen auf der Straße springt automatisch die Ampel auf Rot. Mit Blaulicht und Sirene geht es Richtung Innenstadt. Wer hat davon nicht schon einmal geträumt: völlig legal über rote Ampeln rasen - es fühlt sich ziemlich spannend an. Zwar nicht ganz so halsbrecherisch, wie ich es mit meinen Matchbox-Autos früher nachgespielt habe, aber doch rasant genug geht es um Kurven und an wartenden Autoschlangen vorbei. Ob dieser kleine Thrill mit der Zeit zum schnöden Berufsalltag verkommt? „Nein“, wird Bartling später sagen, „der Adrenalinschub ist auch nach 25 Jahren jedes Mal wieder da.“ Das sei auch gut so, sonst werde man nachlässig und mache Fehler.

          Das Parkhaus liegt in unmittelbarer Nähe zur Einkaufsmeile Zeil. Alles geht schnell: Türen auf, im Laufschritt zum Einsatzort. Die Kollegen einer anderen Feuerwache sind schon da. Im Kontrollraum des Parkhauses wird kurz die Lage erörtert. Der Alarm kommt aus dem vierten Stock. Weil die Aufzüge gesperrt werden, geht es die Treppe hoch. Oben stellt sich heraus, dass sich jemand einen schlechten Scherz gemacht und den Druckmelder betätigt hat. Nassgeschwitzt machen sich die Feuerwehrleute an den Abstieg. „Das ist wie ein Saunagang“, sagt einer. Eine komplette Ausrüstung inklusive Druckluftflasche wiegt knapp 30 Kilo.

          Ob es auch sein Kindheitstraum war, Feuerwehrmann zu werden, will ich von Bartling wissen, als wir wieder zurück auf der Station sind. „Ja, schon.“ Der Mann ist vorbelastet. „Mein Vater hat hier 1966 angefangen“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf das Gebäude aus dem Jahr 1901. Die Fahrzeughalle ist noch für Pferdewagen konzipiert worden, auf denen das Löschwasser damals transportiert wurde. Der rund 800 000 Euro teure Hightech-Leiterwagen passt heute gerade so unters Dach. Wenn der Vater und seine Kollegen Wochenenddienst schoben, kamen Frauen und Kinder zu Besuch. An Sonntagnachmittagen sei hier richtig was los gewesen, erzählt Bartling - und ich kann mir vorstellen, dass das oft bemühte Klischee von der „großen Familie“ in diesem Fall tatsächlich zutrifft. Heute, würgt er im nächsten Satz gleich alle nostalgischen Anwandlungen wieder ab, gebe es das aber auch nicht mehr.

          Weitere Themen

          Streit um eine Straße in Frankfurt

          F.A.Z.-Leserbriefe : Streit um eine Straße in Frankfurt

          Ist es klug, dass die Stadtregierung den Autoverkehr entlang des Mains auf dessen Nordseite versuchsweise verbietet? Kein Thema wird zurzeit in Frankfurt mit größerer Leidenschaft diskutiert. Wie aber sehen es F.A.Z.-Leser? Wir haben nachgefragt.

          Topmeldungen

          Vor UN-Klimagipfel : Jetzt muss endlich gehandelt werden

          Angela Merkel und ihre Regierung reisen mit einem Plan nach New York, mit dem sie nicht als Vorkämpfer fürs Klima zurückkehren werden. Nur guten Willen zeigen – das genügt nicht mehr. Die neuen Klimaberichte sind alarmierend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.