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Traumberufe (1) : Auf den Spuren von Professor Brinkmann

„Herzkatheter ist ein bisschen wie Autofahren” - sagt der Kardiologe und drückt aufs Röntgenpedal Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Fast jeder hat sie in seinem Leben einmal ausgefüllt: die Zeile „Mein Traumberuf“ in Poesiealben. Doch wie viel davon lässt die Arbeitsroutine übrig? F.A.Z.-Autoren haben einen Tag lang die Berufswünsche ihrer Kindheit getestet. Folge 1: Ärztin.

          Fast jeder hat sie in seinem Leben einmal ausgefüllt: die Zeile „Mein Traumberuf“ in Poesiealben. Doch wie viel davon lässt die Arbeitsroutine übrig? F.A.Z.-Autoren haben einen Tag lang die Berufswünsche ihrer Kindheit getestet. Folge 1: Ärztin.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Es ist peinlich, aber ich stehe dazu: Ich bin ein Kind der Schwarzwaldklinik. Stets saß ich pünktlich vor dem Fernseher, wenn Professor Brinkmann in der Notaufnahme im malerischen Glottertal Unfallopfer und Infarktpatienten vor dem sicheren Tod rettete. Meine Begeisterung für den Arztberuf hielt bis kurz vor dem Abitur, bis mich ein Praktikum im Krankenhaus der Kleinstadt, in der ich damals lebte, auf den Boden der Tatsachen brachte. Es gab kaum Notfälle, stattdessen viele alte bettlägerige Menschen, denen die Medizin nur noch bedingt helfen konnte. So nahm ich - der ZVS-Bewerbungsschluss nahte - Reißaus vorm jahrelang gehegten Traumberuf. Zu Recht?

          Fast 15 Jahre sind seitdem vergangen. Es ist 7.45 Uhr, Universitätsklinikum Frankfurt, Notaufnahme. Ralf Lehmann, 36 Jahre alt, Oberarzt in der Kardiologie und in der Notaufnahme, schickt mich zum Umziehen. Grüne Hose, grünes Shirt, darüber der weiße Kittel, fertig ist die Verkleidung. Der Blick in den Spiegel - ernüchternd: So heldenhaft, wie Professorengattin Christa Brinkmann im weißen Kittel wirkte, sehe ich bei weitem nicht aus. Was auch daran liegen könnte, dass alles einige Nummern zu groß ist.

          Keimfrei ist wichtig: Ralf Lehmann zieht sich Latexhandschuhe an

          Dann ist keine Zeit mehr für Schwarzwald-Erinnerungen: Im Laufschritt eilen Lehmann und ich durch die Gänge, oben Neonlicht, unten Linoleum, durch Türen, deren Flügel sich mit einem mechanischen Surren öffnen, in der Nase den Geruch von Desinfektionsmittel. Lehmann - kurze, gegelte Haare, verschmitztes Gesicht - wollte als Kind im Gegensatz zu mir nicht Arzt, sondern Wirtschaftsingenieur werden. Für die Medizin begann er sich erst während des Zivildienstes zu interessieren, für die Kardiologie erst während des Studiums: „Das Herz ist sein sehr mechanisches Organ, das hat mich gereizt.“

          „War der HB schon die ganze Zeit bei 6,3?“

          8 Uhr, Visite in der Notaufnahme. Orangefarbene Vorhänge trennen die vielen Betten und Monitore. Lehmann lässt sich von der diensthabenden Ärztin schildern, welche Patienten die Nacht brachte. Ein bewusstloser Heroinabhängiger, eine Krebspatientin, die sich nicht behandeln lassen will, ein Deutscher, der in Südafrika einen Herzinfarkt hatte, eine Selbstmordpatientin und so weiter. „War der HB schon die ganze Zeit bei 6,3?“, fragt Lehmann im Mediziner-Stakkato, der Sprache des Krankenhauses. Die Ärztin nickt. So geht das von Bett zu Bett. Gerettet werden muss hier niemand. Schön für die Patienten. Schade für mich.

          8.50 Uhr, im Laufschritt geht es ins Herzkatheterlabor, wo in operationssaalähnlichen Räumen Herzgefäße untersucht und behandelt werden. Über die grüne Kluft kommt nun noch ein schwerer Bleiumhang, zum Schutz gegen die Röntgenstrahlen. „Jetzt bekommen Sie mal eine Vorstellung davon, wie warm es unter diesen Dingern ist“, frohlockt Lehmann. In der Tat: Es ist warm. Sehr warm. Das Gewicht des Bleikittels drückt auf Schultern und Rücken. Dabei habe ich es noch gut: Im Gegensatz zu Lehmann kann ich mich immer mal wieder an die Wand lehnen.

          Lehmann schiebt unterdessen einen dünnen Kunststoffschlauch von der Armvene bis in das Herz des Patienten vor. Mit einem Fußpedal bedient er zugleich das Röntgengerät. „Herzkatheter ist ein bisschen wie Autofahren.“ Es herrscht eine ruhige Arbeitsatmosphäre, selbst als Lehmann eine besonders enge Stelle in einem Gefäß passiert. „Ich bin nicht aufgeregt“, sagt er, ganz der Mechaniker. „Nur konzentriert.“ Wäre ich auch so gelassen? Vielleicht, mit ein bisschen Übung. Die blauen OP-Tücher färben sich mehr und mehr rötlich ein. Zumindest macht es mir immer noch nichts aus, Blut zu sehen.

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