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Todesfälle im Kollegenkreis : Der leere Schreibtisch nebenan

Bild: Cyprian Koscielniak

Wenn Kollegen sterben, herrscht in vielen Unternehmen das große Schweigen. Mitarbeiter, Vorgesetzte, Kunden - keiner weiß, was er sagen soll. Und die Hilflosigkeit macht die Trauer nur noch schlimmer.

          Eigentlich ist Simone Hornstein ein Profi, wenn es um den Umgang mit Todesfällen geht. Soweit jedenfalls, wie man auf diesem Gebiet überhaupt ein Profi sein kann: Seit sieben Jahren betreut sie im Fürstenberg-Forst bei Donaueschingen den Friedwald, also einen Waldabschnitt, in dem Baumbestattungen abgehalten werden. Sie führt Angehörige von Verstorbenen durch den Wald, wählt mit ihnen Bäume aus, unter denen das Begräbnis stattfinden soll, und kümmert sich um Gedenkinschriften. Gespräche über Trauer und Tod führt sie beinahe täglich. Und doch: „Wenn man auf einmal selbst trauert, dann ist alles ganz anders“, sagt Hornstein.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Simone Hornstein hat im vergangenen Frühjahr ihren Kollegen verloren. Jahrelang hatte sie mit dem Forstrevierleiter zusammengearbeitet, gemeinsam das Projekt Friedwald aus der Taufe gehoben, Konzepte geschrieben, Anfangsschwierigkeiten gemeistert, sich immer wieder engmaschig ausgetauscht. Dann wurde der Kollege schwer krank und verstarb mit nur 52 Jahren. Für Simone Hornstein brach eine Welt zusammen. „Es ist nicht so, dass wir großartig privaten Kontakt gehabt hätten“, berichtet sie. Gelegentlich habe sie den Kollegen zwar zu Hause besucht und auch seine Familie kennengelernt, „wir haben aber keineswegs regelmäßig nach Feierabend etwas zusammen unternommen“. Ein sehr nettes kollegiales Verhältnis sei es gewesen. „Trotzdem hat mich sein Tod erst einmal ziemlich aus der Bahn geworfen“, berichtet sie. Ein ganz schwieriges Gefühl sei das gewesen. Nicht verwandt, noch nicht mal befreundet, trotzdem emotional sehr betroffen und gleichzeitig vor großen neuen Herausforderungen im Beruf. „Eine Zeitlang habe ich wirklich über Tage an nichts anderes gedacht als an den Tod des Kollegen“, sagt Hornstein.

          Wie ihr geht es sehr vielen Arbeitnehmern in Deutschland. Zwar werden keine Zahlen darüber erhoben, wie viele Menschen in Zeiten ihrer aktiven Erwerbstätigkeit versterben, doch sterben nach Daten des Statistischen Bundesamtes je Jahr in Deutschland rund 135.000 Personen im erwerbsfähigen Alter. Die meisten von ihnen hinterlassen Kollegen, Geschäftspartner und -freunde, Vorgesetzte und Untergebene. Anders als im privaten Bereich sei die Trauer im Betrieb jedoch noch immer „ein fast komplett unbeackertes Feld“, beklagen Experten wie Sylvia Brathuhn vom Bundesverband für Trauerbegleitung.

          Die Situation in den meisten Betrieben, die mit Trauerfällen zu kämpfen haben, schildert sie so: „Die verbliebenen Kollegen fragen sich: Darf ich am Arbeitsplatz darüber sprechen? Die Vorgesetzten fragen sich: Was darf ich den Mitarbeitern im Moment zumuten?“ Auf der einen Seite stehe die Trauerarbeit, auf der anderen Seite die Notwendigkeit, dass die Arbeit im Betrieb irgendwie weitergeht. „Insgesamt erfasst viele Unternehmen eine Welle der Fassungslosigkeit“, sagt Brathuhn. „Denn wir alle leben unbewusst ständig mit der Illusion, dass wir unsterblich sind. Den Tod wähnen wir weit weg, gerade am Arbeitsplatz, wo die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund steht. Holt uns der Tod ausgerechnet dort ein, am Schreibtisch nebenan, sind wir überfordert, wissen nicht mehr, was zu tun ist.“ Oft herrsche dann für eine Weile das große Schweigen. Aus Furcht, das Falsche zu sagen, sagen viele Kollegen erst einmal gar nichts - und fressen den Kummer in sich hinein.

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