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Tipps vom Comedian und Herrenschneider : „Ein Cordanzug sieht aus wie ein Wandteppich“

  • Aktualisiert am

Komische Type: Torsten Sträter Bild: Privat

Torsten Sträter hat mal etwas Anständiges gelernt: Herrenschneider.Manchmal hilft ihm das noch heute bei der Arbeit auf der Comedy-Bühne weiter. Über Cordanzüge und andere Sünden.

          Können Sie sich noch erinnern, wie hoch der Stundenlohn in Ihrer Ausbildung zum Herrenschneider war?

          Ich weiß noch, dass es im Monat 190 Mark gab. Das war genug für eine Dose Haarlack und einmal am Kaugummiautomaten drehen. Aber ums Geld ging es mir nicht. Ich wollte Herrenschneider werden. Ich habe später auch bei einigen Herrenausstattern gearbeitet und diese Arbeit geliebt. Dieser Zeit trauere ich heute noch manchmal hinterher.

          Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen für Ihr weiteres Berufsleben?

          Der Beruf vermittelt einem eine ungeheure Ruhe, es ist eine fast meditative Arbeit. Ich habe die innere Sicherheit mitgenommen, ein Handwerk gelernt zu haben. Ich glaube nicht, dass man so etwas mit kaufmännischer Arbeit in der Seele verankern kann. Nach der Apokalypse nutzt es einem nichts, wenn man mal ein Büro geleitet hat. Aber ich kann ihnen dann eine Jacke aus den toten Tieren schneidern.

          Trotzdem haben Sie heute einen anderen Beruf. Wann wussten Sie, dass sie das nicht Ihr Leben lang tun werden?

          Ich bin ein Kundentyp, ich wollte noch mehr mit Menschen zu tun haben. Deshalb habe ich bei einer schwedischen Modekette gearbeitet. Aber da war man eigentlich nur dabei, Sachen auf Bügel zu hängen und das Chaos zu bändigen.

          Später waren Sie zwölf Jahre in einer Spedition tätig, diese Zeit haben Sie im Programm aufgearbeitet. Wie verrückt ist dieser Arbeitsalltag wirklich?

          Es gibt natürlich kuriose Alltagsgeschichten. Neulich sah ich in Essen einen Speditionslaster mit der Aufschrift „Fast immer pünktlich“. Das ist als würde ein Chirurg über seine Arbeit sagen: „Kaum Tote“. Das können Sie direkt einbauen. Aber in der Regel ist das Speditionsgeschäft knallhart. Sowohl für die Disponenten als auch natürlich für die Fahrer. Da müssen Sie für eine Bühnennummer viel mit Übertreibung und Entstellung von Sachverhalten arbeiten. Dennoch habe ich wohl nicht zufällig in dieser Zeit mit dem Schreiben angefangen. Das hat mir auch geholfen, dem Alltag in der Spedition zu entgleiten.

          Wäre die beste Burn-out-Vorsorge, wenn in deutschen Büros mehr gelacht würde?

          Ich bekomme öfter mal Mails, in denen steht: „Ich habe heute genug gelacht.“ Aber ich glaube, man kann gar nicht genug lachen. Das gilt gerade auch für den Job. Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt und bewahren Sie sich die absurden Dinge im Herzen. Ich finde es herrlich, wenn die Dame im Einwohnermeldeamt sich nicht zu schade ist, Figuren aus Überraschungseiern gleich pfundweise auf ihren Monitor zu kleben. Und ich frage mich, was passiert, wenn in dieser Behörde mal der Röhrenmonitor gegen einen Flachbildschirm ausgetauscht wird.

          Also müssten deutsche Chefs ihre Mitarbeiter mehr zum Lachen bringen?

          Es gibt leider zu viele Branchen, da ist Lachen einfach nicht angesagt. Ich warte ja immer noch auf einen Bestatter, der mal einen guten Witz erzählt. Ansonsten wird, glaube ich, viel hinter vorgehaltener Hand gelacht. Der deutsche Chef ist halt der deutsche Chef - er füllt ganze Serien und Cartoons, und jetzt haben wir auch noch Stromberg.

          Heute besteht Ihr Berufsalltag vor allem aus Zugfahrten zu Auftritten, auf denen DVDs Ihre Begleiter sind. Fehlen Ihnen die Kollegen manchmal?

          Ich schaue ja noch regelmäßig bei der Spedition vorbei, aber ich habe jetzt halt andere Kollegen und viele Kabarettisten kennengelernt. Außerdem passt meine Agentin auch ein bisschen auf mich auf. Ich komme mit den neuen Kollegen prima klar. Denn Kabarettisten sind die normalsten Menschen der Welt. Danach kommen gleich die Komiker.

          Und was sind Sie jetzt von Beruf?

          Das frage ich mich schon lange nicht mehr.

          Und wenn andere Sie fragen?

          Dann würde ich sagen, ich bin ein Vorleser und ein komischer Typ, wenn ich mir Mühe gebe. Ob Sie das dann als Comedy bezeichnen oder, weil Sie ein Cordjackett tragen, als Kabarett, das hängt von Ihnen ab. Das ist mir auch egal, ich möchte einfach, dass Sie lachen.

          Was sagt eigentlich der Herrenausstatter in Ihnen zum Cordjackett im Büro?

          Ich finde Cordjacketts gut, wenn es schlanke Menschen tragen, die das ordentlich kombinieren können. Kommen Sie aber nie auf die Idee, einen Cordanzug zu kaufen. Damit sehen Sie aus wie ein Wandteppich. Das geht gar nicht, weder privat noch im Job.

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