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Theaterpädagogik für Manager : Rollenspiele in der Chefetage

  • -Aktualisiert am

Kunst des gelungenen Auftritts: Aufführung von „Ein Mittsommernachtstraum“ am Royal Shakespeare Theatre. Bild: (c) B.Seed/Lebrecht Music & Arts

Was hat Arbeit mit Theaterspielen zu tun? Erstaunlich viel. Daher entdecken findige Unternehmen die Vorteile des kreativen Spiels. Denn das kann Hemmungen abbauen und so Türen öffnen.

          Fragt man Kadim Tas nach den Vorteilen des Theaters für die Wirtschaft, er könnte von Hunderten Beispielen berichten: von Hunderten Jugendlichen ohne Schulabschluss und ohne Aussicht auf beruflichen Erfolg, die dann doch Fuß fassen konnten - weil sie nicht zuletzt auf der Theaterbühne gelernt haben, was in ihnen steckt. Tas ist Leiter des Frankfurter Standorts der „Joblinge“, einer von der Boston Consulting Group und der BMW-nahen Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung gegründeten bundesweiten Initiative, die durch die enge Vernetzung mit mehr als 1000 Wirtschaftsunternehmen Jugendlichen ohne Perspektive für die Wirtschaft rüsten möchte.

          Die Einrichtung kann als Musterbeispiel für den Effekt der Persönlichkeitsentwicklung auf das Berufsleben gelten, genauer: der Persönlichkeitsentwicklung durch Theaterpädagogik. Die Zahlen jedenfalls geben der Methode der Institution recht: Durchschnittlich 70 Prozent der Jugendlichen bewähren sich in einem von der in die Initiative vermittelten Betriebspraktikum, so dass sie im Anschluss eine Berufsausbildung oder eine Festanstellung beginnen.

          Im Vergleich mit dem zuletzt erschienenen Bildungsbericht des Bundesministeriums ist das eine weit höhere Quote, als andere Vermittlungsmaßnahmen vorweisen können. Doch welche Rolle spielt dabei das Theater, und was steckt hinter dem Begriff Theaterpädagogik? Ursprünglich wurde das Fach in den achtziger Jahren als Nebenfach für angehende Schauspieler entwickelt, inzwischen profitieren längst auch Auszubildende und Führungskräfte von dieser Disziplin, die vergleichbar mit manchen Coaching-Methoden und auch dem prominenten Achtsamkeitstraining ist.

          Viele platzen fast vor Stolz und Selbstvertrauen

          Laut Tas ist der Effekt des Theaterspielens enorm, weil sich während des sechsmonatigen Programms, das die „Joblinge“ auf dem Weg in den Beruf absolvieren, die meisten Teilnehmer von unsicheren Jugendlichen mit geringer „Handlungskompetenz“ zu weitgehend selbstbestimmten, jungen Erwachsenen veränderten. „Theaterpädagogik ist geradezu ein ideales Mittel, weil sie die Chance bekommen, in einem geschützten Raum neue Verhaltensweisen auszutesten.“

          Die meisten Teilnehmer haben in ihrer bisherigen Laufbahn eine Menge Kritik und Niederlagen einstecken müssen und sind darum gehemmt. Dort setzt die Theaterpädagogik an, denn sie versucht, mit spielerischen Mitteln Stärken zu erkennen und zu festigen.  Körperschule, Sprachtraining und darstellendes Spiel dienen als „Türöffner“, um Hemmungen abzubauen und Talente zu stärken. „So können sie sich mit ihren Ängsten auseinandersetzen, ohne dafür kritisiert zu werden“, sagt Tas, der jüngst mit einem Integrationspreis ausgezeichnet wurde.

          Dass die „Joblinge“ sich behaupten lernen, dafür sorgt der Theaterpädagoge Philipp Haines, der neben praktischem Training wie der Simulation von Vorstellungsgesprächen, Konfliktsituationen und dem Üben von Präsentationstechniken mit jeder Gruppe einen intensiven Theaterworkshop durchläuft.  „Wenn die Jugendlichen hören, dass sie selbst ein Theaterstück erarbeiten und es auf einer Bühne vor Publikum aufführen sollen, trauen sich das viele zunächst überhaupt nicht zu“, sagt er. Zwei Wochen später sei davon meist nichts mehr zu spüren. Die Wirkung sei sichtbar und spürbar, berichtet der 34 Jahre alte Pädagoge. „Nach der Aufführung platzen sie fast vor Stolz und Selbstvertrauen.“

          Coaching ist rationaler

          Die Theaterpädagogik löst das Theaterspiel aus seinem klassischen Umfeld, und nicht ohne Grund machen sich den Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung und auf Teambuilding vermehrt Unternehmen zunutze. Der Grund dafür liegt laut Haines vor allem in der Stärkung von Kernkompetenzen: „Sich auf das unbekannte Terrain einer Theaterbühne zu wagen, erfordert Verantwortungsbewusstsein, Selbstorganisation, Empathie und Mut - das sind Fähigkeiten, die wir auch im Berufsalltag unseres auf Flexibilität ausgelegten Arbeitsmarkts brauchen.“ Diese Meinung teilt auch der Theaterpädagoge und Regisseur Wolfgang Schmidt, der seit gut 20 Jahren die Theaterwerkstatt Heidelberg leitet, eine von ihm gegründete Akademie, die jährlich mehrere hundert Studenten zu Theaterpädagogen ausbildet.

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