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Theaterpädagogik für Manager : Rollenspiele in der Chefetage

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Auch Schmidt besucht regelmäßig Unternehmen, um Nachwuchskräfte genauso wie Manager in der Kunst des guten Auftritts zu schulen. Dass die Wirtschaft sich neben klassischem Coaching zunehmend für die persönlichkeitsbildenden Mittel des Theaters interessiere, wundert den Professor nicht. „Wenn wir im internationalen Wettbewerb bestehen wollen, müssen wir lernen, über den Tellerrand zu schauen und die Perspektive zu wechseln.“ Beiden Disziplinen, Coaching und Theaterpädagogik, geht es im Kern um das, was in der Fachsprache gemeinhin mit Authentizität umschrieben wird und das Handeln gemäß der eigenen Persönlichkeit unabhängig von äußeren Einflüssen meint. Im Gegensatz zum Coaching ist die Arbeit mit Theaterpädagogik jedoch weniger rational als körperorientiert.

Dass das Interesse sowohl von Studenten als auch von Unternehmen an dem Fach steigt, sieht Schmidt im Zeitgeist begründet, der die Theaterpädagogik als wirksames Business-Instrument sichtbar werden lasse. Noch vor zehn Jahren habe es oft geheißen: „Theaterpädagogik - das ist doch bestimmt was für Kinder!“ Inzwischen habe man erkannt, dass sich damit Qualitäten ausbilden lassen, die für die wirkungsvolle Vermittlung von Unternehmen, Positionen und Produkten unabdingbar sind: „Man hat jetzt verstanden, dass es nicht nur um das Was geht, sondern auch um das Wie. Wir können noch so gute Dinge erfinden, wenn wir nicht in der Lage sind, sie individuell und gestalterisch zu präsentieren.“

„Der Effekt ist für jeden ganz unterschiedlich“

Ein Unternehmen, das schon lange auf die Persönlichkeitsentwicklung durch theaterpädagogische Seminare setzt, ist die Drogeriemarktkette dm. Alle Auszubildenden nehmen innerhalb ihrer Lehre zweimal verpflichtend an Workshops teil, die von Theaterpädagogen begleitet werden und an deren Ende eine Bühnenpremiere steht. „Jungen Menschen werden damit die besten Entwicklungsmöglichkeiten geboten“, sagt Christian Harms, der als Geschäftsführer für das Ressort Ausbildung des Unternehmens zuständig ist. „Der Effekt ist für jeden ganz unterschiedlich, doch die Theaterworkshops bieten vor allem ein nichtalltägliches Umfeld, in dem die Teilnehmer neue Fähigkeiten bei sich entdecken können.“ Neben den Lehrlingen können auch die ausgelernten Mitarbeiter von dm vom Theaterspielen profitieren, denn ähnliche Workshops stehen der gesamten Belegschaft offen. Etwa 2000 Mitarbeiter haben in diesem Jahr daran teilgenommen.

Während die meisten der gut 4000 in Deutschland tätigen Theaterpädagogen im Umfeld der Schauspielhäuser, in der Erwachsenenbildung und Projektarbeit tätig sind, arbeiten Fachleute wie Maria Havermann daran, dass sich die Disziplin als Coaching-Instrument für die Wirtschaft etabliert. Die Expertin für „Unternehmenstheater“, wie sie das Mitarbeitertraining nennt, steht dem Bundesverband der Theaterpädagogen nahe, hat sich auf das Training mit Theater spezialisiert und gibt Seminare für Führungskräfte, Teams, ausgewählte Mitarbeiter oder Auszubildende. Anders als mit Jugendlichen steht bei der Arbeit mit Managern nicht das Einüben eines Stückes im Vordergund, sagt Havermann: „Stattdessen geht es darum, Fähigkeiten auszubilden, die für Führungskräfte genauso wichtig sind wie für Schauspieler: eine feste Stimme, präzise Körpersprache, Ausdruck, Präsenz.“

Im Anschluss empfiehlt sie ein systemisches Coaching, um beispielsweise bei der Lösung eines beruflichen Konflikts dem rationalen Kern näher zu kommen und so eine ganzheitliche Lösung zu finden. Vor allem jüngere Führungskräfte kommen nach Angaben der Pädagogin häufig auf die Idee, ihre Mitarbeiter durch das kreative Spiel zu fördern, während solche kreativen Maßnahmen für die ältere Generation manchmal noch angstbesetzt seien. „Insgesamt werden Unternehmen aber immer offener für unterschiedliche Arten der persönlichen Weiterbildung ihrer Mitarbeiter“, lautet ihr Fazit. Doch die Entwicklung der Theaterpädagogik zum Business-Tool geht nur langsam voran.

Da die Branche noch klein ist und die finanziellen Mittel gering sind, macht der Bundesverband so gut wie keine Werbung für Angebote wie die von Havermann oder Wolfgang Schmidt. Stattdessen sorgen berufliche Netzwerke und der Flurfunk dafür, dass Unternehmen auf die Vorteile der spielerischen Mitarbeiterschulung aufmerksam werden. Nach Havermanns Erfahrung sind es die Vorgesetzten oder Personalmanager, die gute Erfahrungen mit dem kreativen Spiel gemacht oder die Methode von Kollegen empfohlen bekommen haben, und aus diesen Gründen einen Theaterpädagogen ins Unternehmen bestellen. „Theaterpädagogen in der Wirtschaft, das ist immer noch eine exotische Mischung“, sagt Havermann. Aber sie arbeitet mit Hochdruck daran, dass das nicht so bleibt.

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