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Teamarbeit mit Robotern : Mein Kollege hat nur einen Arm

Handarbeit mit Roboter: Uwe Ristl und sein neuer Kollege. Bild: Unternehmen

Schwerbehinderte spielen am Arbeitsmarkt oft nur eine Nebenrolle. Ein spannendes Projekt testet jetzt die Teamarbeit mit Robotern. Davon sollen alle Arbeitnehmer lernen.

          Uwe Ristl hat sich ziemlich schnell an seinen neuen Arbeitskollegen gewöhnt. Die beiden arbeiten erst seit wenigen Tagen im selben Team. Ristl sortiert Einzelteile für die Düsen in Duschköpfen auf einer kleinen Palette vor, sein Partner presst sie dann fest zusammen. Am Ende prüft Ristl nach, ob die Qualität auch stimmt. Manchmal zuckt der hochgewachsene Mann noch leicht zusammen, wenn „der Neue“ seine schwungvollen Armbewegungen ausführt. Deshalb bleibt er intuitiv noch etwas auf Abstand, was aber eigentlich nicht nötig ist. Denn „passieren kann ja eigentlich nichts“, weiß Ristl.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Seine eigene Arbeit sei jetzt „wesentlich einfacher“ geworden, findet der schwerbehinderte Mann. Bislang musste er die Einzelteile noch manuell mit einer Handpresse zusammendrücken. Mehr als 8000 Mal am Tag dieselbe Armbewegung ausführen – da schmerzen am Abend schon mal die Gelenke, und auf Dauer drohen Verschleißerscheinungen. Doch das ist nun Vergangenheit. Und der neue Nebenmann hat sogar noch weitere unbestreitbare Vorteile: Er jammert nicht, kennt morgens keine schlechte Laune, Lästern ist ihm fremd, er zickt nicht herum und hinterlässt seinen Schreibtisch niemals unaufgeräumt. Und Raucherpausen fordert er auch nicht ein. Das alles ist kein Wunder – denn Uwe Ristls neuer Kollege ist ein Roboter.

          Schauplatz dieser ungewöhnlichen Konstellation ist eine Werkhalle der gemeinnützigen Isak GmbH im schwäbischen Sachsenheim. Hier, vor den Toren von Ludwigsburg, ist der wohl erste Mensch-Roboter-Arbeitsplatz Deutschlands entstanden, der speziell für Schwerbehinderte entwickelt wurde. Eineinhalb Jahre dauerte die Planung dieses Projekts mit dem Namen „Aquias“, an dem neben Isak weitere Träger beteiligt sind: Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) aus Stuttgart ist für die wissenschaftliche Begleitung und Steuerung zuständig, der Technikkonzern Bosch für das technische Knowhow.

          Letztlich ein „normales Unternehmen“

          Thomas Wenzler ist die Begeisterung über seinen neuen Mitarbeiter aus Metall und Elektronik anzumerken. Der Isak-Geschäftsführer verantwortet die Entwicklung der Einrichtung mit rund 90 Mitarbeitern, davon sind rund zwei Drittel schwerbehindert. Als schwerbehindert gilt, wer eine Einschränkung von mindestens 50 Prozent aufweist. Wenzlers schwerbehindertes Personal leidet ausschließlich unter körperlichen Einschränkungen. Das geht vom Herz-Kreislauf-System über muskuläre Probleme und Reha nach Krebserkrankungen bis zur Taubheit.

          Daraus ergeben sich teils erhebliche Einschränkungen für die Arbeitsabläufe; einige Mitarbeiter können nicht lange stehen, andere wiederum nicht sitzen, es kann gerade mit den sechs Gehörlosen zu Kommunikationsproblemen kommen oder bei Kollegen mit psychischen Belastungen zu unvorhersehbaren Reaktionen unter Stress. Auch die Altersstruktur hebt sich von der vieler anderer Unternehmen ab. Die Hälfte der Isak-Belegschaft ist älter als 50 Jahre, 14 Prozent zwischen 45 und 49 Jahren. „Oft stellt sich eine Krankheit erst im Lebensverlauf heraus“, erklärt Wenzler, „dann ist der eigentlich erlernte Beruf nicht mehr ausübbar.“

          Als Inklusionsunternehmen bekomme Isak zwar einige spezielle Förderungen, letztlich sei man aber „ein normales Unternehmen, das sich in der freien Wirtschaft behaupten muss“. Die 2,4 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet Isak vor allem mit Lohnbearbeitung und Gastronomie. Derzeit wird mit der Prüfung von Elektrogeräten ein weiterer Geschäftsbereich aufgebaut. Auch weil der Wettbewerbsdruck für Integrationsunternehmen steigt, hat sich die Isak-Leitung entschlossen, am Aquias-Projekt teilzunehmen. Wobei wirtschaftliche Erwägungen laut Wenzler nicht im Mittelpunkt stehen. „Es ging uns in erster Linie nicht um eine erhöhte Produktivität, sondern um mehr Gesundheit und Teilhabe für unsere Mitarbeiter.“ Der Roboter ermögliche nämlich nun auch den Einsatz von Beschäftigten in der Düsenmontage, denen dies mit der Handpresse nicht möglich war. Dass dies Wenzler wiederum mehr interne Flexibilität verschafft, weil er Mitarbeiter je nach Auftragslage an mehreren Arbeitsplätzen einsetzen kann, ist für den Manager eine erfreuliche Folge.

          Technikeinsatz „immer körpernäher“

          Zudem erhofft er sich einen Werbe- und Imageeffekt sowohl für sein Unternehmen als auch für alle anderen Arbeitgeber behinderter Menschen. Denn in der Regel finde man sich mit dem Thema in einer Nische der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder. „Aber damit sind wir endlich auch mal vorne dabei.“ Für seinen Betriebsleiter Andreas Müller stand die Teilnahme am Projekt deshalb nie in Frage: „Die Automatisierung kommt in den nächsten Jahren auf uns alle zu, deshalb dürfen auch die Inklusionsbetriebe davor nicht die Augen verschließen.“

          „Das Projekt könnte tatsächlich Pilotcharakter besitzen“, findet Patrick Schwarzkopf, und zwar auch über den Bereich der Behindertenbeschäftigung hinaus. Der Robotikfachmann vom Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer kennt kein vergleichbares Vorhaben derzeit. Der Einsatz von Technik werde insgesamt „immer körpernäher“, sagt Schwarzkopf. Für die Wirtschaft tut sich damit ein riesiger Wachstumsmarkt auf. Wie spannend der Arbeitsplatz in Sachsenheim aus Sicht der Industrie ist, schildert auch Wolfgang Pomrehn. Als Roboterspezialist von Bosch hat er die technische Seite des Projekts betreut: „Wir wollen hieraus auch Erkenntnisse gewinnen für die Zusammenarbeit von Robotern und nichtbehinderten Menschen.“ Denn längst läuft unter dem Stichwort Industrie 4.0 die großflächige Verbreitung von sogenannten kollaborativen Robotern in den Produktionshallen der Republik.

          Möglich gemacht hat diesen Schub ein Entwicklungssprung in der Sensorik. Weil die neue Generation der kollaborativen Roboter nun wahrnehmen kann, wenn sie einem Menschen gefährlich nahe kommt, und dann abrupt stoppt, darf sie aus ihren Käfigen heraus und an den Menschen heranrücken. Dazu wird das Tempo der Maschinen wie in Sachsenheim auf 0,5 Meter je Sekunde gedrosselt – machbar wäre gut das Vierfache. Trotz dieses Produktivitätsverlustes rechnen sich laut Pomrehn kollaborative Systeme oftmals gegenüber der teureren Vollautomatisierung. Denn es gibt immer noch Tätigkeiten, die der Mensch weitaus besser und günstiger verrichten kann. Das Heraussuchen von Teilen aus Schüttgut gehört zum Beispiel dazu – auch wenn dank der rasanten Entwicklung von künstlicher Intelligenz vernetzte Roboter erstaunliche Fortschritte machen und aus ihren Fehlern lernen können.

          Der Roboter kostet 70.000 Euro

          Der Preis für eine Anlage, wie sie in Sachsenheim zum Einsatz kommt, liegt nach Angaben von Bosch bei rund 70.000 Euro. Für eine solche Maschine scheint das nicht allzu hoch zu sein. Für ein Unternehmen wie Isak würde das allerdings eine gewaltige Investition darstellen. Da Bosch den Roboter im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts auf jeden Fall bis Ende 2018 zur Verfügung stellt, wird sich diese Frage jedoch vorerst nicht stellen. Dennoch ist die Frage von entscheidender Bedeutung, wie schnell ein solcher Roboter den Anschaffungspreis wieder erwirtschaften kann – und ob überhaupt. Im Falle von Isak haben Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit ergeben, dass durch den Roboter zumindest keine Verluste entstehen, sagt Sibylle Hermann vom Fraunhofer-Institut. „Vielleicht steht am Ende auch ein kleines Plus.“

          Die Wirtschaftlichkeit eines am Markt agierenden Unternehmens auf der einen Seite, der Auftrag, schwerbehinderten Menschen die Teilhabe an Arbeit und Gesellschaft zu ermöglichen, auf der anderen – für Hermanns Kollegen David Kremer ist das nur eines von mehreren Spannungsfeldern, in denen sich das Aquias-Projekt von Beginn an bewegte. Eine andere Herausforderung habe darin bestanden, die Qualität der Arbeit trotz des Einsatzes von Robotik zu verbessern. „Wir wollten auch nicht zu viele Arbeitsschritte an die Maschine delegieren und damit die Arbeit des Menschen entwerten“, erzählt IAO-Wissenschaftler Kremer. Deshalb stellt es aus seiner Sicht schon einen großen Erfolg dar, die vielen teils gegenläufigen Interessen abgestimmt zu haben und „gut durch einen nicht einfachen Prozess gekommen“ zu sein.

          Mit der Einrichtung des Arbeitsplatzes ist die Projektarbeit jedoch keinesfalls beendet. Die nächsten knapp eineinhalb Jahre wird in Sachsenheim nun erforscht, wie sich der Mensch-Roboter-Arbeitsplatz auf die Beschäftigten auswirkt. Eine Mitarbeiterin hat schon geklagt, dass sie die Taktung der Maschine etwas stresst. Denn es gilt die Devise, dass der Roboter immer etwas zu tun haben muss – also im Zweifel auch ein nicht voll bestücktes Tableau mit Düsenelementen zum Pressen weitergeleitet werden soll. Völlig anspruchslos ist also auch der neue Kollege in Sachsenheim nicht.

          Arbeitgeber zögern noch

          Bei allen Schwierigkeiten von Schwerbehinderten am Arbeitsmarkt hat auch diese Gruppe vom Aufschwung der vergangenen Jahre profitiert. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der beschäftigten Schwerbehinderten deutlich gestiegen. Die Behörde geht für das Jahr 2015 von rund 1,2 Millionen Menschen aus, das waren 158 000 oder 15 Prozent mehr als noch 2010. Im vergangenen Jahr gab es im Mittel gut 171 000 schwerbehinderte Arbeitslose. Diese Menschen sind im Durchschnitt etwas älter als nichtbehinderte Arbeitslose, da die Behinderungen oft erst im Verlauf des (Erwerbs-)Lebens auftreten. Aber sie sind auch besser qualifiziert. Fast zwei Drittel der Schwerbehinderten verfügen über einen Hochschul- oder Berufsabschluss, unter den Nichtbehinderten dagegen nur jeder Zweite. Die meisten suchen nach einer Stelle im Objektschutz, in Büro- oder Sekretariatsberufen oder der Gebäudetechnik. Viele Arbeitgeber tun sich aber immer noch schwer damit, Schwerbehinderte einzustellen. Laut Vermittlern der Arbeitsagentur werde trotz zunehmender Fachkräfteengpässe vielerorts eine „Bestenauslese“ betrieben, bei der Schwerbehinderte außen vor bleiben. Hinzu komme eine Unsicherheit bezüglich der Leistungsfähigkeit dieser Menschen, und nicht zuletzt spielten auch Bedenken, bezogen auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen (etwa Kündigungsschutz, behindertengerechter Arbeitsplatz), eine wichtige Rolle, wenn es um die Frage von Neueinstellungen geht. svs.

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