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Teamarbeit : In wenigen Schritten zum miesen Kollegen

Was der Chef will, das wollen Sie auch. Ihre eigene Meinung spielt keine Rolle, sie schlüpfen in diejenige des Angepassten. Aber Vorsicht: Auch Chefs ändern Ihre Meinung manchmal spontan, dann müssen Sie kaschieren, dass ihr Fähnchen nur im Wind der Macht flattert. Das zu Verschleiern ist mit der richtigen Taktik aber kein Problem. Dafür feuern Sie einfach eine Floskelparade ab, folgende Textbausteine bieten sich zuverlässig an: „Nach reiflicher Überlegung bin ich zu einem anderen Schluss gekommen“ oder „Flexibilität ist heute wichtiger denn je“.

Glänzend verkaufen Sie Ihren Meinungswechsel mit großem Einsatz: Ich habe mir das gestern Abend - wahlweise auch am Wochenende - noch einmal genauer angesehen, das XY-Detail sollten wir auf keinen Fall übersehen. Dazu gibt es einen ähnlichen Fall in den Vereinigten Staaten, auf den Fidschis, wo auch immer. Sie wechseln Ihre Einstellung skrupellos nach Lage. Was kümmert Sie Ihr Geschwätz von gestern? Heute ist ein neuer Tag. Und wird Ihr Meinungswechsel mal ganz drastisch, dann treten Sie die Flucht nach vorn an, und kokettieren Sie mit großer Geste: „Also, nach gründlichem Nachdenken bin ich zu einem völlig anderen Schluss gekommen. Das wäre ein Fehler, das so zu machen. Aber zum Glück haben wir im Unternehmen ja eine Fehlerkultur, und hier wird nichts unter den Teppich gekehrt.“ Das verkünden Sie mit einem entwaffnenden Lächeln. Und Ihr Gegenüber ist verwirrt.

Delegieren und andere einspannen

Während die anderen redlich arbeiten, halten Sie Ihren Einsatz in Grenzen. Aufgaben, die wenig Prestige bringen und lästig sind, delegieren Sie, wann immer Sie dazu nur die kleinste Chance wittern. Das fällt natürlich schwer, wenn Sie keine Führungsfunktion haben und die Sekretärinnen selbstbewusst agieren. Aber ein schüchterner Praktikant, eine verunsicherte Elternzeitvertreterin, eine überangepasste Zeitarbeitskraft, die lassen sich fast immer für unbeliebte Aufgaben einspannen. Hauptsache, Sie sprechen jemanden an, der weder über Schutz noch Selbstbewusstsein verfügt. Für Kollegen, die sich relativ widerstandslos drangsalieren lassen, haben Sie einen messerscharfen Blick, wie der Habicht fürs kränkelnde Kaninchen.

Unangenehmen Situationen gehen Sie großräumig aus dem Weg. So wie neulich, da haben Sie illegal kampfkopiert, haben Privates durch den Kopierer gejagt, jetzt ist der Toner leer und die Sekretärin in Pause. Sie machen sich die Finger aber deswegen nicht schmutzig. Stattdessen nichts wie weg. Verschanzen Sie sich ein halbes Stündchen hinter Ihrer Schreibtischburg, telefonieren Sie und wedeln genervte Mitmenschen hinaus. Irgendein hilfsbereiter Mensch wird sich schon um den Toner kümmern.

Dieses unsoziale Verhalten haben Sie doch seit jeher in den Waschräumen trainiert. Letztes Blatt verbraucht? Sie halten sich nicht damit auf, Nachschub zu organisieren. Sie haben ja Ihre Schäfchen im Trockenen und kommen sauber aus der Sache raus. Schimpft ein anderer Kollege, schieben Sie es auf die Putzfrau. Die ist in Ihrem Ranking sowieso ganz, ganz weit unten auf der Hierarchiestufe, die kann man haltlos beschimpfen, deren Namen müssen Sie sich auch nach acht Jahren im Betrieb nicht merken.

Zutexten was das Zeug hält

Sie haben heute einiges weggearbeitet und sich eine Pause verdient. Kollege F. aber studiert noch fleißig Gesetzestexte und arbeitet hochkonzentriert an einem fordernden Fall? Das ignorieren Sie nicht mal. Sie haben Lust auf Leerlauf und texten ihn zu. Rücksichtslos. Was stört es Sie, wenn er wieder einen milden Spätsommerabend zwischen Aktenbergen verbringen muss. Ihnen ist nach einem Plausch. Überstundengefährdet ist nur er und Ihrer Laune ausgeliefert, schließlich haben Sie den guten Draht zum Chef, und F. steckt noch in der Probezeit. Das Wort Rücksichtnahme haben Sie vor Jahren aus Ihrem Wortschatz gestrichen. Empathie ist was für Esoterik-Tanten.

Sie haben Geburtstag. Fein. Sie nehmen sich frei und ignorieren Anspielungen auf Nachfeiern konsequent. Diese verstummen und werden von Jahr zu Jahr weniger. Sie haben da ein dickes Fell. Die anderen haben Geburtstag? Fein. Sie sind der erste Gratulant und sparen sich die Kantine. Tja, beim Geldeinsammeln fürs Gemeinschaftsgeschenk hatten Sie es gerade nicht passend klein oder waren im Nachbargebäude unabkömmlich. Aber solche Verhaltensweisen sind für einen Profi wie Sie ja Peanuts.

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