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Tätowierungen : Fürs Leben gezeichnet

  • -Aktualisiert am

Etwa acht Millionen Deutsche sind tätowiert oder gepierct Bild: AFP

Tätowierungen und Piercings sind Privatsache, heißt es. Doch in manchen Branchen können sie über die Vergabe von Arbeitsplätzen entscheiden. Denn oft zählt der erste Eindruck.

          Als Carsten Schröder* mit 18 Jahren damit begann, seinen Körper für alle Ewigkeit bemalen zu lassen, ahnte er, dass er fortan mit Einschränkungen würde leben müssen. Zunächst ließ er sich einen Donnervogel, ein Totemsymbol  in dunkler Farbe auf den Oberarm stechen. Doch das war nur der Anfang: Auf den Innenseiten beider Unterarme folgten weitere Tätowierungen; auf der Brust zwei Schwalben, ein Engel hier, ein Teufel dort sowie verschiedene Schriftzüge.

          In seiner Freizeit, beim Kickboxen oder bei Freunden hat der heute 30 Jahre alte Student kein Problem, seine teuren Körperverzierungen - ein handflächengroßes Tattoo kann 300 bis 500 Euro kosten - zu zeigen. Wenn er in der Gastronomie arbeitet, hat sich der Mann mit dem durchtrainierten Körper allerdings daran gewöhnt, zu verbergen, was zu verbergen ist: „In den meisten Verträgen steht, dass keine offensichtlichen Tattoos erlaubt sind“, sagt Schröder und klingt etwas kleinlaut. Doch er hat es längst akzeptiert und zieht beim Arbeiten wie selbstverständlich Hemden oder langärmlige T-Shirts an - selbst im Sommer. „Ich kann mir nicht leisten, Jobs abzulehnen.“ Dass diese Maßnahme sinnvoll ist, hat Carsten Schröder die Vergangenheit gelehrt: Eine Catering-Agentur, für die er im T-Shirt arbeitete, buchte ihn bald darauf nicht mehr. „Sie sagten nicht, warum, meldeten sich aber nie wieder. Obwohl ich immer einen guten Job machte.“

          Der erste Eindruck zählt

          Etwa acht Millionen Deutsche sind nach Schätzungen der Vereinigten Europäischen Tätowierkünstler (UETA) tätowiert oder gepierct. „Wir gehen von 20 Millionen Tätowierungen in den letzten zehn Jahren aus“, sagt deren Vorsitzender Herry Nentwig. Eigentlich sind Tattoos und Piercings Privatsache, die dem Persönlichkeitsrecht unterliegen, sagt Steffen Westermann, Sprecher des Berufsstrategie-Büros Hesse/Schrader. Der Chef darf den Körperschmuck also nicht verbieten. Dennoch gibt es Verträge, die Tattoos oder Piercings untersagen. Und in der Realität entscheidet der Körperschmuck oft darüber, ob Personalverantwortliche den Daumen über einem Bewerber heben oder senken.

          „Es gibt viele ungeschriebene Gesetze“, sagt Westermann, und eines davon besage, dass der erste Eindruck zählt. Dabei sei die Frage „Passt der überhaupt in unser Team?“ oft entscheidend. Und wenn zwei ähnlich qualifizierte Bewerber vorstellig würden, erhalte oft der unauffälligere Anwärter den Zuschlag. Nachweisbar sei das nicht, sagt Westermann: „Offiziell wird dann eher die Kompetenz angezweifelt.“ Überwiegend handele es sich dabei um Stellen mit Kundenkontakt, egal in welcher Branche. Selbst in Kreativberufen seien auffällige Körperverzierungen eher hinderlich. „Sie umgibt immer noch der Hauch des Halbseidenen, Unseriösen.“ In klassischen Sparten wie Handel, Versicherung und Gastronomie seien Tätowierungen, Piercings oder besonders auffällige Kleidung meist ein „no go“, so Westermann weiter. Im Freizeit- und Wellness-Bereich, im Tourismus oder in der Animation gehe es hingegen lockerer zu. In anderen, pflegerischen oder medizinischen Berufen, untersagen hygienische Vorschriften das Tragen von Schmuck. Manchmal kann dieser sogar das Verletzungsrisiko erhöhen.

          „Ich klebe dann Pflaster drüber“

          Dieses Problem hatte Josefin Henke noch nicht, dennoch muss auch sie ihre Tätowierungen während der Arbeit häufig verheimlichen. Die Eventmanagement-Studentin macht oft Promotion-Jobs, arbeitet in der „gehobenen Gastronomie“ und trägt die bunte Farbe, unter anderem, über dem Knöchel und auf dem Fuß - gerade im Sommer ein Problem. „Ich klebe dann Pflaster drüber“, sagt die 25-Jährige. „Dabei sieht es dann noch schlimmer aus.“ Auch Henke berichtet von Verträgen, die sichtbare Tattoos verbieten, dennoch würde sie sich weitere stechen lassen. Überall wolle sie aber nicht tätowiert sein. Und für alle sichtbar sollten sie schon gar nicht sein. „Das ist etwas Privates.“ An ihren Beruf denke sie dabei aber nur in zweiter Linie.

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