https://www.faz.net/-gyl-8j4st

Suche nach Flugbegleitern : Lufthansas next Topmodel

  • -Aktualisiert am

Ticket zum Traumberuf: Diese Kandidatin verlässt das Lufthansa-Casting in Mainz mit einer der begehrten Zusagen in der Hand. Bild: dpa

Die Lufthansa sucht dringend Flugbegleiter. In ihrer Personalnot greift die Fluglinie auf ein beliebtes Fernsehformat zurück. Wie weit ist es eigentlich noch her mit dem einstigen Traumberuf?

          Es ist zwölf Uhr mittags, und ich habe mich so schick gemacht wie seit meinem letzten Bewerbungsgespräch vor mehr als zwei Jahren nicht mehr. Dass ich mir die Absätze gespart habe, bereue ich nun, als ich mich in eine Schlange langbeiniger, rotlippiger, hochhackiger Wesen vor dem Hyatt Hotel in Mainz einreihe. Die Lufthansa hat zum Flugbegleiter-Casting gerufen und es kommen die jungen Leute in Scharen. In der Lounge und an der Bar, auf Ledersesseln und an Glastischen sitzen zahllose frisch aus dem Ei gepellte Abiturienten, aber auch einige ältere Kaliber - ich mitten unter ihnen und besorgt an mir herunterschauend - und möchten Flugbegleiter werden.

          Ausweis vorzeigen, Formular ausfüllen: Wie groß? Welcher Schulabschluss? Englischkenntnisse? Dann heißt es warten. Nach einer halben Stunde und einigen Schokoladenriegeln, die eine Stewardess in mintgrüner Uniform mit Pillbox-Hut verteilt, werde ich von Gudrun Danker abgeholt. Sie ist Recruiterin und führt mich in eine ruhige Ecke, wo wir beginnen, uns auf Englisch zu unterhalten. Schnell schwenkt das Gespräch von persönlichem Geplauder hin zu Fragen nach meiner Ausbildung und meiner Motivation, Flugbegleiterin zu werden. „Sie studieren also in England, interessant. Würden Sie mit einem englischen Fluggast anders umgehen als mit einem deutschen?“ „Stellen sie sich vor, ein Economy-Kunde möchte eine ,Bunte‘ oder eine ,Autosport‘ haben. Sie wissen, dass es Zeitungen nur in der Ersten Klasse gibt. Wie reagieren Sie?“ Die Fragen sind schwieriger als erwartet, und ich muss mir ganz schön etwas aus den Fingern saugen, um Frau Danker von mir zu überzeugen.

          Das liegt aber auch zum Teil daran, dass ich gar nicht Flugbegleiterin werden möchte, sondern als neugierige Journalistin zumindest durch das erste Interview auf Englisch gehe. 664 ernsthaft interessierte Bewerber werden heute in Mainz erscheinen, nach 500 wird die Lufthansa, Deutschlands größter und traditionsreichster Fluganbieter, aus Kapazitätsgründen die Türen schließen, und 165 werden am Abend mit einer Zusage für den begehrten Ausbildungsplatz nach Hause gehen. Für die unglücklichen Zuspätkommer soll in den kommenden zwei Monaten ein weiteres Casting organisiert werden.

          Schnell und effizient den Personalengpass überbrücken

          Es ist ein innovativer Versuch, mit dem die Lufthansa versucht, schnell und effizient den Personalengpass zu überbrücken, der sich diesen Sommer aufgetan hat. Klaus Jacobsen, studierter Psychologe, betreut die Kabinenbesatzung der Fluggesellschaft und entwarf das Konzept des Castings. Die ursprüngliche Idee dahinter ist simpel: „Wir wollten es den Bewerbern ein Stück weit leichter machen, indem wir zu ihnen kommen.“ Die Konkurrenten Emirates und Turkish Airlines haben schon ähnliche erfolgreiche Castings durchgeführt. Die Lufthansa, die aus Personalmangel in diesem Sommer auf Langstreckenflügen schon mit einem Flugbegleiter weniger in der Economy-Klasse fliegt, beschloss, das Konzept zu übernehmen.

          Mit Erfolg: Nach zwei von vier geplanten Castings konnte die Fluggesellschaft immerhin 250 Bewerbern eine Zusage erteilen. Klaus Jacobsen hat dennoch einen nüchternen Blick auf die Dinge. „Natürlich kostet so eine Veranstaltung auch.“ Die Castings in Heidelberg, Mainz, Augsburg und Regensburg dieses Jahr seien Pilotprojekte. „Wir werden auswerten, ob die Effizienz einer solchen Veranstaltung die Kosten für Werbung, Organisation und Veranstaltungsort wettmacht.“ Persönlich könne er schon jetzt ein Urteil abgeben: „Ich sehe hier viel mehr Authentizität auf Seiten der Bewerber als in einem normalen Interview. Mir und den Recruitern macht es in jedem Fall mehr Spaß.“

          Der normale Bewerbungsprozess, bei dem man online Formulare ausfüllen, seinen Lebenslauf einschicken und dann in Frankfurt oder München zu einem Interview erscheinen muss, läuft dennoch parallel weiter. Das ist noch nötig: Gerade einigten sich die Branchengewerkschaft Ufo und Lufthansa auf einen neuen Tarifvertrag. 1400 neue Kabinenmitarbeiter sollen bis Ende des Jahres eingestellt werden. Sie alle genießen einen Kündigungsschutz von fünf Jahren.

          „Unterwegs sein, etwas von der Welt sehen, mit Menschen arbeiten“

          Claudia Grübel, Personalmanagerin der Lufthansa, erklärt den Ausbildungsprozess, der auf die Bewerber zukommt: „Unsere Schulung dauert insgesamt zwölf Wochen. Die angehenden Flugbegleiter lernen alles von den verschiedenen Flugzeugmustern über medizinische Themen bis hin zum Service.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.