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Stress im Büro : Einfach überfordert

  • -Aktualisiert am

Stress ist als Berufskrankheit umstritten Bild: Fotolia

Die Arbeit macht viele Menschen krank. Aber nicht alles, was krank macht, zählt auch als Berufskrankheit. Soll Stress anerkannt werden? Darüber streiten Experten.

          Die Deutschen werden in Zukunft länger arbeiten müssen. Schrittweise wird das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben. Ob es überhaupt möglich ist, unter den heutigen Bedingungen so lange gesund zu bleiben, steht freilich dahin. Die Arbeitsprozesse sind schneller und komplexer geworden, und die Verantwortung ist gestiegen. Während die körperlichen Anstrengungen abgenommen haben, sind die mentalen Anforderungen und psychischen Belastungen gestiegen. Mit den toxischen und physikalischen Gefährdungen kann inzwischen gut, mit der Arbeitsverdichtung, der Dauerbelastung und der wachsenden Überforderung weniger gut umgegangen werden. Bei den Ursachen der Frühberentung stehen psychosomatische Erkrankungen inzwischen an zweiter Stelle. Wie sich diese Situation auf die Anerkennung zukünftiger Berufskrankheiten auswirken wird, war Thema eines Symposions bei der internationalen Konferenz für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die in der vergangenen Woche in Düsseldorf stattgefunden hat.

          Lösungsmittel, Staub und Lärm

          Nicht jede Krankheit, die etwas mit dem Berufsleben zu tun hat, ist zwangsläufig auch eine Berufskrankheit und wird von den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen als solche entschädigt. Das Sozialgesetzbuch nennt Kriterien. Denen zufolge sind Berufskrankheiten Leiden, die "nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft durch besondere Einwirkungen verursacht sind, denen bestimmte Personengruppen durch ihre versicherte Tätigkeit in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind". Alle bisher anerkannten Berufskrankheiten gehen auf toxische oder physikalische Gefährdungen wie Metalle, Lösungsmittel, Stäube, Lärm und Vibrationen zurück. Wie psychische und mentale Belastungen zu bewerten sind, ist nach Ansicht von Ernst Hallier von der Universitätsklinik in Göttingen derzeit noch völlig offen. Hallier ist Vorsitzender des Ärztlichen Sachverständigenbeirats beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dieses Gremium erarbeitet seit 1996 die wissenschaftlichen Begründungen zu den Berufskrankheiten.

          Die Gefährdung durch Lärm und Staub ist dagegen anerkannt

          Oft sind nicht einmal Symptome definiert

          Die Rechtspraxis, so Hallier, will eine klare Zuordnung zwischen Ursache und Krankheit. Die Medizin tut sich nicht selten schwer damit, weil viele Krankheiten mehrere Ursachen haben und die arbeitsbedingte Belastung nur eine davon ist. Die Anerkennung einer Berufskrankheit ist meistens das Ergebnis einer komplizierten Abwägung und nur selten so offensichtlich wie beim Zusammenhang zwischen berufsbedingtem Lärm und Schwerhörigkeit. Bei den psychischen Belastungen, etwa durch Mobbing, gibt es nicht einmal klar definierte Symptome, die als Berufskrankheit in Frage kämen. Außerdem können die Belastungen nicht in Form einer Dosis gemessen oder aus der Arbeitsgeschichte schlüssig nachvollzogen werden. Jahrzehntelange Betriebszugehörigkeiten werden immer seltener. Ständiger Wechsel ist die Regel, nicht die Ausnahme. Es wird demzufolge auch immer schwieriger werden, epidemiologische Daten zu den Belastungen am Arbeitsplatz zu erheben. Solche Studien sind aber wichtig für die Anerkennung einer Berufskrankheit. Hallier plädierte deshalb für die Ausweitung der Forschung. Es gelte, die individuelle Belastung zu analysieren. Gerhard Lehnert von der Universität Nürnberg-Erlangen verwies noch auf eine Schwäche im Gesetzestext. Der Gesetzgeber habe nie geklärt, was unter dem Wort "Einwirkung" zu verstehen sei. Es könne ein Prozess oder ein Resultat gemeint sein. Wäre ein Prozess gemeint, könne Mobbing vielleicht künftig eher als Ursache einer Berufskrankheit anerkannt werden als bisher.

          Kaum Drittmittel für Arbeitsmediziner

          Auf die Arbeitsmedizin warteten derzeit zwar viele Aufgaben, aber sie werde zunehmend zurückgedrängt, sagte Lehnert. Als anerkanntes Pflicht- und Prüfungsfach habe sie den gleichen Rang wie die Innere Medizin oder die Chirurgie, sei aber an vielen Universitäten gar nicht mehr oder nur noch in zurückgestufter Form vorhanden. Überdies erschienen die Ergebnisse der Arbeitsmedizin nicht in den renommierten internationalen Fachzeitschriften, weil man dort mehr an Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung interessiert sei. Das wiederum führe dazu, dass die Arbeitsmediziner kaum Drittmittel einwerben könnten, weil die Vergabe an hochrangige Publikationen gebunden sei. Dem Fachgebiet stehe deshalb immer weniger Geld für immer mehr Aufgaben zur Verfügung.

          Auch außerhalb der Hochschulen findet eine Erosion satt. Das Arbeitsministerium hat das entsprechende Referat aufgelöst. Die Bundesärztekammer und die einzelnen Landesärztekammern geben ihre Fachausschüsse auf. Das Bundesarbeitsblatt, ein wichtiges Informationsforum, wurde Ende vergangenen Jahres eingestellt. Die Arbeitsmedizin ist zudem das einzige medizinische Fachgebiet, dessen politische Zuständigkeiten nicht im Gesundheitsministerium, sondern im Arbeitsministerium liegen. Eine entsprechende Änderung ist nach Ansicht Lehnerts überfällig. Hildegard Kaulen

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