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Storytelling : Die Prinzessin auf der Erbse als Trainee

Bild: Cyprian Koscielniak

In der Märchenwelt läuft vieles ab wie im Berufsleben: Es geht um Einsatz, Mut, Zusammenhalt, Gefahren und darum, Probleme zu lösen. Ein Blick auf bildstarke Geschichten.

          Märchen erfreuen nicht nur Kinder oder lassen sie wohlig erschauern, sie sind auch Balsam für die Seelen von Erwachsenen, sagt der Gehirnforscher Gerald Hüther. „Man fühlt sich dann irgendwie besser, gestärkter und zuversichtlicher, mutiger und befreiter, gleichzeitig gefestigter und verwurzelter.“ Das macht sich auch die Arbeitswelt zunutze, längst ist „Das Märchenbuch für Manager“ erschienen, Tiefenpsychologen sinnieren über die Resilienz von „Aschenputtel“ und den Mutter-Tochter-Konflikt bei „Schneewittchen“. Die Psychotherapeutin Gloria Becker analysiert Unternehmen mit Hilfe von „Frau Holle“ oder Motiven aus „Rotkäppchen“. Viele Menschen tragen ein Lieblingsmärchen in sich, das die Entwicklungskonflikte der Kindheit widerspiegelt, so lautete schon in den sechziger Jahren eine These des Psychoanalytikers Hans Dieckmann. Die Herausforderungen der Arbeitswelt verändern den Blick auf die unerschrockenen Heldinnen und Helden der phantastischen Welten mit eingebautem gutem Ausgang. Es lassen sich überraschende Analogien finden.

          Hänsel und Gretel oder zwei Auszubildende und ihr Aufstieg

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Holzfällerkinder haben harte Rahmenbedingungen. Kinderarbeit gegen Hungerlohn, gemobbt von ihrer abgrundtief bösen Stiefmutter und ausgesetzt im Wald, halten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Gemeinsam trotzen sie den schlechten Entscheidungen ihres Managements und haben in einem schwierigen Umfeld stets eine Lösung parat. Erst hat Hänsel die rettende Idee mit den wegweisenden Kieselsteinen und dem Knochenfinger, dann schreitet seine Schwester beherzt zur Hexenverbrennung - der Weg in eine heile Welt ist grausam.

          Die ungeliebten Auszubildenden meistern ihre ersten eigenen Projekte gut, sie entkommen dem Elend und den Fängen der Menschenfresserin. Dass sie dem schwachen Vater, der sie verraten hat, die Treue halten, zu Wohlstand verhelfen und für Kapitaltransfer in ihre alte Familienfirma sorgen, ist großmütig und vorbildhaft.

          Die Bremer Stadtmusikanten oder erfolgreiche ältere Berufswechsler

          Auf ausgezeichnete Zusammenarbeit verstehen sich ebenso die berühmten Stadtmusikanten. Der ausgestoßene Tiertrupp, der durch Zusammenhalt so stark wird, dass er Räuber in die Flucht schlägt, liefert anders als die überheblichen „Sieben Schwaben“ mit ihrem überfordernden Teamleiter ein blendendes Beispiel für Teamentwicklung und dafür, dass jeder sein Talent einbringen soll: Arbeitsteilung als Erfolgsrezept. Die für ihre Besitzer nutzlos gewordenen Nutztiere sind nicht schicksalsergeben, sondern bündeln ihre Kräfte und demonstrieren gemeinsam Stärke. Als ältere Mitarbeiter sind sie in den Augen ihrer Chefs nicht mehr leistungsfähig und werden freigesetzt. Statt zu resignieren, brechen sie auf zu neuen Ufern, nehmen die Chance einer Selbständigkeit wahr. Was den Berufswechsel leichter macht: Sie stehen füreinander ein. Zwar schaffen sie es nicht bis Bremen, aber das Haus im Wald ist möglicherweise schöner als die Hansestadt. Manchmal muss man eben flexibel sein und Ziele ändern.

          Der Wolf und die sieben Geißlein oder die Gefahren der Globalisierung

          Dem sicheren Zuhause, dem inländischen Markt, droht Gefahr von außen, denn der böse Wolf der Globalisierung möchte sich alles einverleiben. Zunächst passt er sich an und frisst Kreide, prompt kommt es zur feindlichen Übernahme. Die Geißen sind vorgeprescht und werden gefressen. Nur die jüngste Geiß, die gar nicht erst mit Aufgaben wie dem Türöffnen betraut wird und hinten in der Hierarchie steht, kann sich retten - und später die anderen. Dabei ist das Kleinste im wahrsten Sinne des Wortes zurückgeblieben, nämlich im Uhrenkasten. Also auch die vermeintlich Schwachen im Team haben ihre Aufgabe und sind nicht zu unterschätzen. Dem Schüchternen ist der Rückkauf, der Management Buyout zu verdanken, mit Hilfe der zurückgekehrten Firmenchefin kommen die Geißen raus und die Steine rein, die Werte sind zurückgekauft.

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