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Stellenmarkt : Stolperfalle Stellenanzeige

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Mancher Traumjob verbirgt sich hinter einem endlosen Katalog erwünschter Fertigkeiten und einer schwerverständlichen Stellenbeschreibung. Von den Bewerbern ist Fantasie gefragt - und Selbstbewusstsein.

          Über diese Angabe gerät der künftige "Corporate Finance Manager" zweifellos ins Grübeln. In Zeiten der Globalisierung muss man selbstredend Englisch und andere Fremdsprachen können. Doch auch jene "vielseitig interessierte und unternehmerisch denkende Person", die sich die Schweizer Logistikfirma auf dem ausgeschriebenen Posten wünscht, dürfte mit folgender Formulierung Verständnisschwierigkeiten haben - obwohl sie auf Deutsch verfasst ist: "Diese internationale Tätigkeit", heißt es in einer aktuellen Annonce des Unternehmens Swisslog, verlange "eine Reisebereitschaft von ca. 30%".

          Stolperfalle Stellenanzeige: Wenn Unternehmen nach neuen Mitarbeitern suchen, funktioniert die Kommunikation erstaunlich oft nur mangelhaft. Englischsprachige Berufsbezeichnungen, Bürokraten-Deutsch, leserfeindliche Abkürzungen und ganze Wälder aus Phrasen versperren den Blick auf die Position, für die geeignete Kandidaten gesucht werden. "Es gibt viele schlechte Stellenanzeigen, was ich überhaupt nicht verstehe", sagt Manfred Böcker von der Kölner Beratung Personal & Text. "Schließlich achten die Unternehmen ja sonst pingelig auf ihre Außendarstellung." Noch dazu bieten viele Anzeigen derart verquaste Formulierungen, dass sie sich scheinbar nicht an Menschen richten, sondern an bloße Eigenschaftsträger, die im Zuge der reibungslosen Wertschöpfung eine Planstelle besetzen sollen.

          Stilblüten im Stellenmarkt

          In jedem Stellenmarkt wuchern die Rechtschreib- und Zeichenfehler, immer wieder taucht auch in Annoncen aus berufenem Munde der grausame Pluralfehler "Praktikas" auf, binnen weniger Zeilen bringt es ein Inserent auf acht Wörter mit der abschreckenden Silbe "-ung" am Ende, ein anderer lockt mit den "tollen Alleinstellungsmerkmalen" seiner Produkte. "Sie finden leider zu viele Worthülsen und zu wenig unternehmensspezifische Botschaften, das erschwert Bewerbern das Verständnis", sagt Böcker. Seine Analyse: In vielen Unternehmen werden Stellen unter Zeitdruck ausgeschrieben, das Fachpersonal leitet die Beschreibung der Position deshalb erst in letzter Minute an die Personaler weiter, diese geben sich dann kaum Mühe beim Umformulieren - und schon ist ein weiteres Ungetüm auf dem Weg in die Druckerei. Noch schlimmer: Manche Unternehmen kopieren aus dem Intranet gleich die ganze Positionsbeschreibung und vergessen, dass die Leser zwischen Frankfurt und Hannover keinen Schimmer haben, was das Kürzel "GSP/OI" im Hause Daimler bezeichnen mag.

          Eine idealtypische Stellenanzeige bietet auf kleinem Raum eine ganze Menge: Sie beschreibt das Unternehmen verständlich, benennt die Stelle prägnant und zeichnet ein Bild der damit verbundenen Aufgaben, sie nennt außerdem erwünschte Qualifikationen des Bewerbers und zeigt ihm auch, was er erwarten darf. Schließlich gibt sie transparent Auskunft darüber, wie der Interessent sich mit dem Unternehmen in Verbindung setzen kann.

          Seltsam konturlos

          Doch leider sind die wenigsten Anzeigen so formuliert. Oft stehen da inhaltsleere Floskeln à la "Wachsen Sie mit uns", darunter ein Jobtitel - und der Rest bleibt seltsam konturlos. "Insbesondere nach der Verabschiedung des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes sind die Anzeigen immer gleichförmiger geworden", kritisiert Christine Demmer, die Co-Autorin des Ratgebers "Stellenanzeigen richtig verstehen", den Trend. Für den Interessierten muss das allerdings nicht schlimm sein, wirft ihr Mitautor ein, der Unternehmensberater André Soder. "Ich sollte von der schlechten Gestaltung der Anzeige nicht unbedingt auf das Unternehmen schließen", sagt er. "Wichtiger ist es, im persönlichen Interview auf die Atmosphäre im Unternehmen zu achten." Man solle sich überlegen, ob der Job reizvoll klinge - und dabei durchaus die "rosa Brille" aufhaben.

          Beispielsweise bei den Anforderungen: Die meisten Annoncen halten dem Suchenden einen Spiegel vor. "Wir erwarten von Ihnen", steht da manchmal recht streng. Andere formulieren es freundlicher: "Dieses Profil zeichnet Sie aus." Hier geht es um die Qualifikationen des Bewerbers. Und natürlich, findet Soder, greift der Arbeitgeber da gerne zur Höchstforderung. "Bei diesen Beschreibungen handelt es sich um ein Idealbild des Unternehmens", sagt er. "Man darf sich auch bewerben, wenn man nicht alle Kriterien erfüllt."

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