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„Ghosting“ in der Bewerbung : Auf und davon

  • -Aktualisiert am

Völlig unverbindlich? Bewerben auf Facebook Bild: Picture-Alliance

Die Stellensuche wird informeller. Das bedeutet auch: Manchmal verschwinden Chefs oder Bewerber einfach von der Bildfläche - wie beim Online-Dating.

          Die Nachricht kommt über den privaten Facebook-Feed: Office-Managerin gesucht! Das passt, Shia Vaders ist gerade auf Stellensuche, Erfahrung in der Teamassistenz, im Kontakt und Büromanagement bringt sie mit – und ihre Bewerbung sogleich über das soziale Netzwerk auf den Weg. Auch der potentielle Arbeitgeber reagiert fix und vielversprechend, geht zum Du über und stellt ein Kennenlernen in Aussicht. Schon am nächsten Vormittag meldet er sich abermals: Ob sich die Bewerberin nicht umgehend vorstellen könnte? Vaders zeigt sich flexibel, auch als der Kleinunternehmer den Termin um eine Stunde verschiebt – und vor Ort zunächst nicht anzutreffen ist: Er ist noch mit seinem Geschäftspartner zu Tisch.

          Bis dahin hat die Kommunikation ausschließlich über Facebook stattgefunden, dann sitzen sich die Bewerberin und zwei Geschäftsführer leibhaftig gegenüber. „Tolles einstündiges Interview“, lobt Vaders im Nachgang und unterschreibt eine Verschwiegenheitserklärung über die Inhalte der Unterredung. Es ist Donnerstagnachmittag, die beiden Interviewpartner versprechen eine Rückmeldung binnen 24 Stunden. Vaders hat noch eine Frage: „Wann soll es denn losgehen, wenn ich die Zusage verbindlich bekomme?“ „Montag“, versprechen die Herren – und hüllen sich seitdem in Schweigen. Das ist fast vier Monate her.

          Ghosting nennen es Personalmanager, wenn sich Bewerber einfach in Luft auflösen, nicht mehr erreichbar sind, zum Vorstellungsgespräch oder am ersten Arbeitstag nicht erscheinen. Solch ein Verhalten wird nämlich durchaus von beiden Seiten beklagt. Bewerber beschweren sich dagegen über fehlende Eingangsbestätigungen, schleppende Entscheidungsprozesse oder Funkstille nach einem durchaus positiven Gespräch. Wobei das Phänomen nicht auf die Karrierewelt beschränkt ist: Auch neue Facebook-Freunde oder Online-Partner tauchen schnell mal wieder ab. Die Ähnlichkeit zwischen Recruiting und Online-Dating nehme immer mehr zu, beklagt das Unternehmen Salesjob, eine Stellenbörse für Vertriebsmitarbeiter in einem Blogeintrag: „Verbindlichkeiten, Zugeständnisse und Ehrlichkeit waren gestern, heute wird sowohl beim Online-Dating als auch bei der Jobsuche gepokert.“

          Vertrösten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag?

          Müssen die Unternehmen nunmehr Dating-Vokabeln wie „Benching“, „Breadcrumbing“ oder „Catfishing“ pauken, weil Bewerber sich viele Optionen offenhalten, nur sporadisch Nachrichten wie Brotkrumen verschicken oder gar falsche Identitäten aufbauen? Und müssen Bewerber massenhaft damit rechnen, dass Chefs sie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag vertrösten? All das ist aus der Online-Partnersuche durchaus bekannt. Aber so weit geht die Salesjob-Analogie nicht. „Auch das Ghosting ist kein Massenphänomen“, sagt Geschäftsführer Andreas Dickhoff. Den Vergleich mit der Dating-Welt führt er vor allem auf Apps wie „Truffls“ zurück: Nutzer bewerten dort Jobs per Wischfunktion. „Aber wer Interesse signalisiert hat, ist nicht unbedingt auch für die Personaler erreichbar.“

          Die Stellenbesetzung via Facebook und Co. sei bislang noch eine Ausnahme, sagt Christoph Weinert, Wirtschaftsinformatiker der Universität Bamberg. Der Mitautor der Studienreihe „Recruiting Trends“, sagt, es gebe bedeutendere Entwicklungen, wie automatisierte Matching-Verfahren oder mobile Formulare, über man die man sich per App bewerben kann. Auch die abnehmende Bedeutung des Anschreibens, die mit diesen Phänomenen zusammenhängt sei ein bedeutender Trend in der Personalbeschaffung. Die Stellensuche über soziale Netzwerke sei weit weniger üblich: „Social Recruiting ist vor allem ein Instrument des Employer Brandings“, sagt er in schönstem Personalmanagerdeutsch. Gemeint ist: Wenn Unternehmen sich in sozialen Medien darstellen, Videos verbreiten und Mitarbeiter zu Wort kommen lassen, wollen sie vor allem ihre Arbeitgebermarke stärken.

          Zugleich soll die Kontaktaufnahme erleichtert werden: Der Erstkontakt wird über das Social Recruiting erleichtert: „Jobsuchende erfahren, wo sie sich hinwenden können“, sagt Weinert. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Soziale Netzwerke tragen dazu bei, dass man immerzu auf Jobsuche ist. So wie man ständig online ist und seine Selbstdarstellung auf dem Laufenden hält.“ Und wenn die Grenzen zwischen Stellensuchenden und Beschäftigten verschwinden, müssen Arbeitnehmer nicht nur sehr genau darauf achten, was sie online über sich preisgeben. Sondern auch die Personalabteilungen müssen sich neu aufstellen und Beziehungen zu möglichen Talenten aufbauen.

          „Es bleiben viele Fragen“

          Der studierte Personalmanager Henner Knabenreich, der ein gleichnamiges Beratungsunternehmen betreibt, empfiehlt den Unternehmen in diesem Zusammenhang mehr Bodenhaftung. Wenn etwa der Frankfurter Flughafen einen Förster suche, aber die Stelle über eine Stellenbörse für Fach- und Führungskräfte als „Wildlife Control Operator“ ausschreibe, dürfe man sich nicht über mangelnde Resonanz wundern. „Kein Förster würde jemals nach diesem Begriff suchen!“ Unspezifische Stellenangebote, Prozesse, die mehr als 100 Tage dauern und Unerreichbarkeit: All das seien „Bewerbervermeidungsstrategien“, die nicht zum Ziel führen.

          Die Hamburgerin Shia Vaders hat mittlerweile eine neue Festanstellung gefunden. Ihre Facebook-Bewerbung ohne Feedback hat aber noch eine Weile an ihr genagt: „Habe ich die Gesprächspartner falsch abgeholt, was habe ich übersehen – es bleiben viele Fragen.“ Das Unternehmen gehört zu ihrem Netzwerk, sie möchte es nicht namentlich nennen, ein Positivbeispiel aus ihrem Bewerbungsprozess dagegen schon. Es betrifft das Festival „Millerntor Gallery“, das über ein Facebook-Video Unterstützung im Kunst- und Ausstellungsmanagement angefordert hatte. Vaders bekam kurz nach ihrer Bewerbung einen Anruf: „Das komplette Team hat sich bei mir per Telefonkonferenz bedankt, meine Bewerbung sei liebevoll, ich aber leider zu teuer – eine super Geste!“ Merke: Auch eine Absage kann Employer Branding sein.

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