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Start-ups : Gründer-Gen gesucht

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Willensstärke und eine gewisse Selbstüberschätzung

Wer so viel Widerstand aushalten will, braucht Willensstärke und eine gewisse Selbstüberschätzung. Das machen die Interviews deutlich. „Der gemeinsame Geist ist dieses Verständnis dafür, dass man manchmal durchs Feuer gehen muss, echte Kämpfe hat und nicht alle einen feiern“, sagt Mirco Wiegert. Der Mitbegründer des Hamburger Brause-Produzenten Fritz-Kola hat seine Idee bis zur ersten fertigen Kiste geheim gehalten, selbst vor seiner Familie. Und auch nach der Bekanntgabe hat er viel Spott und Skepsis erfahren: „Wir haben in Deutschland eine Kultur des 1000-Gründe-dagegen-Findens. Statt einfach mal fünf Gründe aufzuzählen, warum etwas funktionieren kann.“

Ist Deutschland das Land der Bedenkenträger? Laut „Gründungsmonitor 2017“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist die Zahl der Gründungen nach wie vor rückläufig, die Quote sank 2016 von 1,5 auf 1,3 Prozent. Daraus könne man aber nicht auf mangelnden Gründergeist schließen, sagt Georg Metzger, Autor der Studie. Vielmehr schlage die beispiellos gute Arbeitsmarktentwicklung direkt auf die Gründungsaktivitäten durch: „Die Chancen, in einer abhängigen Beschäftigung gut zu verdienen, sind groß. Man kann es den Menschen daher auch nicht verdenken, wenn sie sich für einen sicheren Job entscheiden.“

Mit dieser Aussage hat der Volkswirt allerdings eher den Typ „Notgründer“ im Blick: Erst der Anstieg der Arbeitslosigkeit und damit verringerte Chancen auf einen Arbeitsplatz geben diesen Menschen den Anstoß, sich selbständig zu machen. Die KfW spricht von Push-Faktoren. Anders die „Chancengründer“: Sie gründen, weil sie Neuland betreten und mit ihrer Idee und Innovation den Markt erobern wollen. Eine gute Konjunktur bestärkt ihre Entscheidung. Die KfW nennt es „Pull-Faktoren“. Beide Gründertypen sind rückläufig, die Notgründer gehen aber stärker zurück: innerhalb von sechs Jahren um die Hälfte.

„Gefragt sind Wissensgründungen“

Günter Faltin, Professor für „Entrepreneurship“ und selbst Unternehmer, ist skeptisch, was die Zahlen angeht. „Zu den Gründern zählt in der Statistik auch der Friseur oder Dachdecker, der sich selbständig macht“, sagt er. Das seien aber nicht die Start-ups, die den Wirtschaftsstandort Deutschland zukunftsfähig machen. „Gefragt sind heute Wissensgründungen, die von kreativen Köpfen durchdacht werden, unkonventionell sind und damit das Zeug haben, den Markt neu aufzurollen“, sagt Faltin. Seine Überzeugung: Das Bild vom Unternehmer als Gewinnmaximierer, der sich mit viel Kapital und seinen Ellenbogen durchsetzt, habe ausgedient – auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat. „Dann werde ich ja auch ein Schwein“, meinte einmal eine Seminarteilnehmerin. „Nein“, entgegnete der Professor, „es geht um Sinnstiftung, um Authentizität. Gewinne müssen sein, aber die Maximierung des Gewinns als oberstes Ziel ist problematisch, weil es alles andere zweitrangig macht.“

Als der Wirtschaftspädagoge vor mehr als 30 Jahren sein Unternehmensprojekt „Teekampagne“ startete, erntete er viel Gegenwind. „Du bist doch Kaffeetrinker, was verstehst du schon von Tee?“, so lautete ein Argument. Hinzu kam der Widerstand der etablierten Einzelhändler. Was dennoch Sicherheit gab: Durch die Beschränkung auf eine Großpackung und Sorte auf Zeit wurden Aufwand und Kosten gespart – der Darjeeling in Bioqualität als Fair-Trade-Produkt zu einem Drittel des herkömmlichen Preises angeboten. Das Prinzip aus Konzeption, Konzentration und fertigen Komponenten wie etwa die Buchhaltung, die man extern einkauft, vertritt Faltin noch heute: „Jeder kann ein Entrepreneur werden, wenn er auf Arbeitsteilung und die eigenen Stärken setzt.“

Für ihn, aber auch für die KfW ist ein Ende der Talfahrt ohnehin in Sicht. „Der Sog der guten Konjunktur gewinnt Oberhand, und die Gründungsplanungen nehmen zu“, sagt der Volkswirt Georg Metzger. Gute Aussichten für Chancengründer also, die auch in Carrillos Buch den Ton angeben. „Das sind alles mutige Menschen, die sich mit Konzernen schwertun, weil sie nicht nine to five in vorgegebenen Strukturen arbeiten, sondern etwas bewegen wollen“, fasst die Gründerin ihr Buchprojekt zusammen. Ihren Verlag will sie um eine Online-Plattform für Gründer erweitern, das nächste Buchprojekt ist schon in Angriff genommen und die Selbständigkeit der richtige Weg: „Die Entscheidung, den Job aufzugeben, habe ich keine Sekunde bereut, wirklich keine Sekunde.“

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