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Start-up Medwing : Geschäftsmodell Pflegenotstand

Timo Fischer (links) und Johannes Roggendorf, die Gründer von Medwing Bild: Medwing

Ein Berliner Start-up verhilft Kliniken und Heimen zu Personal und setzt dabei auf einen Algorithmus. Der Ansatz ist bestechend einfach.

          Deutschland fehlen Zehntausende Kranken- und Altenpfleger. Die Lage in vielen Kliniken und Pflegeheimen ist so ernst, dass die Regierung eine „konzertierte Aktion“ ausgerufen hat: Pflegekräfte sollen besser bezahlt werden, es soll mehr Ausbildungsplätze geben, außerdem soll verstärkt Personal aus dem Ausland angeworben werden.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch allein wird es die Politik kaum richten, böse Zungen nennen die Beschlüsse schon jetzt „Rohrkrepierer“. Ein paar zündende Ideen aus der Welt der Marktwirtschaft wären nicht verkehrt, schließlich geht es darum, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Und siehe da: Ein Start-up aus Berlin schickt sich an, auf ganz und gar kommerziellem Weg und noch dazu unter Einsatz modernster Technik, einen Teil des Problems zu lösen.

          Medwing heißt die Firma, vor zwei Jahren haben die Jungunternehmer Johannes Roggendorf und Timo Fischer sie gegründet. Betriebswirt der eine, Softwareentwickler der andere, beim Online-Möbelhaus Home24 der Gebrüder Samwer waren sie einst Kollegen. Ihr Ansatz ist bestechend einfach:

          100.000 Pflegekräfte registriert

          Es gibt, das belegen Umfragen, auf der einen Seite Tausende ausgebildete Pflegekräfte, die entweder überhaupt nicht oder nur noch wenige Stunden in der Woche in ihrem Beruf arbeiten, weil Schichtpläne und der Rest des Lebens sich nicht vereinbaren lassen. Oder weil sie mit ihrem Vorgesetzten auf keinen grünen Zweig kommen, aber die Suche nach einer neuen Stelle scheuen. Und auf der anderen Seite gibt es Hunderte von potentiellen Arbeitgebern, die ihnen mit Kusshand entgegenkommen würden.

          Nur dass beide Seiten nicht voneinander wissen. Ein klassisches „Match“-Problem also, wie bei der privaten Partnersuche, wo es ja auch zumindest theoretisch darum geht, aus unzähligen Angeboten die am besten zueinander passenden herauszufiltern. Wie groß der Bedarf für ein bisschen Unterstützung bei dieser Aufgabe unter Alten- und Krankenpflegern in beruflicher Hinsicht ist, das zeigen die Zahlen:

          Rund 100.000 arbeitsuchende Pflegekräfte haben sich nach Auskunft der Gründer Fischer und Roggendorf schon online mit ihren bevorzugten Einsatzorten und Arbeitszeiten bei ihnen registriert. Dem stehen 2500 Krankenhäuser, Pflegeheime und Praxen mit ihren Stellenausschreibungen und Anforderungsprofilen gegenüber. Das mühsame Sortieren, wer zu wem passen könnte, überlassen Roggendorf und Fischer einem Algorithmus. Bei erfolgreicher Vermittlung zahlen die Arbeitgeber eine Provision.

          Wie ein Headhunter für Altenpfleger

          Die Pflegekräfte dagegen sollen spüren, wie begehrt sie derzeit auf dem Arbeitsmarkt sind. Das hat bei Medwing System. „Wenn sie es wollen, dann schreiben wir für die Kandidaten auch den Lebenslauf und organisieren das Vorstellungsgespräch“, berichtet Fischer. „So machen das sonst nur Headhunter, die Manager für Führungspositionen suchen.“ Jeden Monat fänden so hundert Alten- und Krankenpfleger eine neue Stelle, Tendenz steigend.

          Findig wie die beiden Gründer sind, hat ihr Unternehmen darüber hinaus ein zweites Standbein: eine Zeitarbeitsfirma für Pflegekräfte, die schichtweise gebucht werden können. Das ist für die Kliniken zwar teuer, aber manchmal die letzte Rettung. Und auch hier ist für Medwing die Zeitersparnis durch Technikeinsatz Trumpf. „Am Anfang brauchten wir einen ganzen Monat Vorlauf, um eine Schicht zu besetzen“, berichtet Roggendorf. „Jetzt fragen wir unsere Kandidaten manchmal noch am selben Tag an, ob sie am Abend einspringen können.“

          Die Geschäfte laufen offensichtlich gut. Zu den großen Plänen gesellen sich handfeste Umsätze, und ein kapitalstarker Investor ermöglicht die Expansion: Ein Büro in Paris soll dazukommen, und Anfang September ist Roggendorf auf die Philippinen geflogen, um dort hundert Pflegekräfte für eine deutsche Krankenhauskette anzuwerben.

          Es wird angesichts des Erfolgs kaum lange dauern, bis es Kritik an den Geschäften hagelt, das lässt sich schon absehen: Schlägt da nicht jemand unlauter Profit auf Kosten des Gesundheitswesens? Tobias Johann vom Berliner Wagniskapitalgeber Rheingau Founders, der an Medwing nicht beteiligt ist, kontert diesen Einwand nüchtern aus: „Sie steigern die Effizienz des Systems. Das kommt allen Marktteilnehmern zugute.“

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