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Sprachenschule übers Internet : Lernen von den Afrikanern

Bild: Glovico.org

Mit Skype wird die Welt zum Dorf - das nutzen Sprachlehrer in Entwicklungsländern. Sie können über das Web 2.0 Menschen auf der ganzen Welt Unterricht erteilen.

          Für ihre Bewerbung musste sie nur drei Voraussetzungen erfüllen: Sprachkenntnisse, Pünktlichkeit und eine zuverlässige Skype-Verbindung. Hätte sie dreimal die anberaumte Videokonferenz verpasst, hätte Iyanatou Mbaye ihren Zusatzjob als Französischlehrerin im globalen Dorf vergessen können. Weil sie aber den Gesprächstermin einhielt, an der Sufolk-Universität von Dakar ein vorzeigbares Englisch gelernt hat und Französisch fast ihre Muttersprache ist, gibt Mbaye nun deutschen Schülern Sprachunterricht über das Internet.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Das Modell ist innovativ und magisch“, sagt die Senegalesin zu ihrem Nebenerwerb. Eine halbe Stunde unterhält sie sich mit ihren Schützlingen, 30 weitere Minuten arbeitet sie an den grammatikalischen Fehlern. Hinterher stellt sie Hausaufgaben. „Wir sitzen uns gegenüber, und in dem Moment vergesse ich, dass wir Tausende von Kilometern weit entfernt sind.“

          „Unser Kern ist die soziale Mission“

          Mbaye war die erste Lehrerin von Glovico.org. Gegründet wurde das internationale Netzwerk von dem Deutschen Tobias Lorenz, einem studierten Betriebswirt und Philosophen. Das Ziel der Non-Profit-Organisation: qualifizierten Menschen in Entwicklungsländern ein zusätzliches Einkommen zu ermöglichen. „Wir haben uns gefragt, was können wir von ihnen lernen, statt ihnen immer etwas von uns anzubieten“, sagt er.

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          Schon länger hatte sich Lorenz mit einem Freund über die Möglichkeiten des Web 2.0 ausgetauscht. Die Erinnerung an einen Spanischkurs in Lateinamerika brachte ihn dann auf die Idee. Sechs spanischsprachige Lehrer in Guatemala und in Peru fand er über eine bestehende Sprachschule, vier französischsprachige schlossen sich in Afrika an. „Unser Kern ist die soziale Mission. Zudem wollen wir zeigen, dass marktorientierte Entwicklungszusammenarbeit funktioniert“, sagt Lorenz.

          „Super easy, super schnell und super zuverlässig“ sei ihr Sprachunterricht gewesen, sagt Rebecca Szramma. Als freiberufliche Beraterin im Sozialwesen bereitete sich die Kölnerin auf einen Auftrag in Haiti vor. Um ihr Französisch aufzufrischen, nahm sie Kontakt zu Glovico auf und war bald die erste Schülerin von Iyanatou Mbaye. Sieben Euro hat sie je Stunde bezahlt, zwei davon gingen an die Organisation, damit sie ihr Marketing und den Geldtransfer bezahlen kann. „Es fand ein lockerer Austausch über unsere Kulturen statt, und wir haben viel gelacht“, erinnert sich die Schülerin. Wenn sie demnächst ihr Spanisch verbessern will, wird sie wieder auf das Angebot zurückgreifen.

          Englisch und Portugiesisch soll hinzukommen

          „Die Initiative steckt noch in einem frühen Stadium. Sie hat aber ein gutes Potential, weil das Internet eine gute Verbreitung ermöglicht“, sagt Michael Vollmann, der mit der Organisation Ashoka Sozialunternehmer finanziell unterstützt. Ob Glovico die Kriterien erfüllt, die für eine Förderung verlangt werden, lasse sich noch nicht abschätzen. Dafür müsse es sich auch an anderen Stipendiaten messen - etwa einem, der in Ägypten eine E-Learning-Universität aufgebaut habe. „Aber es ist ein sehr nützlicher Ansatz“, sagt Vollmann.

          Als Nächstes will Netzwerkgründer Lorenz das Angebot auf englisch- und portugiesischsprachige Lehrer ausweiten. Und in diesem Herbst will er die Idee an Hamburger Schulen verbreiten. „Für Schüler kann es eine große Überraschung sein, wenn sie mit jemanden per Videokonferenz sprechen, statt nur den Diercke-Weltatlas aufzuschlagen.“

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