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Sprache im Büro : Unsere Unworte des Jahres

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Ambidextrie

Kennen Sie jemanden, der nicht Rechtshänder und nicht Linkshänder ist, sondern alles mit beiden Händen gleich gut kann? Ein total seltenes Phänomen, für das es aber ein Wort gibt: Ambidextrie. Nun wäre es nicht so schlimm, dass die Fachbezeichnung für die Beidhänder ein bisschen kompliziert klingt. Schließlich heißt die Fähigkeit, Farben hören zu können Synästhesie, oder die Unfähigkeit, mit Texten umzugehen Dyslexie. Alles sperrige Wörter, die aus dem Altgriechischen stammen, aber selten vorkommen und uns selten stören müssen. Die Ambidextrie allerdings erfährt seit neuestem einen wahren Boom in der Verwendung – und zwar nicht durch Menschen, die Beidhänder sind oder Beidhänder kennen, sondern durch Führungskräfte! Denn in der digitalisierten Arbeitswelt zieht die Ambidextrie angeblich in die Unternehmen ein. Manager müssen Betriebe führen, die in zwei Geschwindigkeiten agieren: Ein Teil ist klassisch-langsam-konservativ, der andere start-up-mäßig-schnell-digital. Ambidextrie ist also die Fähigkeit der Stunde für gute Führungskräfte. Manche Manager aber, so munkelt man, können mit Ambidextrie so gar nichts anfangen. Ob das an mangelnder Führungsfähigkeit liegt oder an mangelnden Altgriechischkenntnissen, ist allerdings nicht erforscht. Nadine Bös

Händeringend

Leere Adjektive und Adverbien laufen einem täglich über den Weg. In Texten jeglicher Art wird niemand auf der Straße und tagsüber überfallen – immer nur auf offener Straße, am helllichten Tag. Offensichtlich ärgerlich sind Pleonasmen wie die tiefe Krise oder die schwere Verwüstung. Aber es gibt auch noch die anderen Zwangshandlungen, in denen der Autor nicht sinngleiche oder sinnähnliche Wörter aneinanderstellt. In der Arbeits- und Wirtschaftswelt ragen hier seit einiger Zeit die Fachkräfte heraus – wenn nämlich Ausschau gehalten wird nach ihnen. Arbeitgeber suchen Fachkräfte nämlich nie einfach so. Sie suchen sie stets händeringend (übrigens gerne auf einem leergefegten Arbeitsmarkt). Es ist nicht möglich, die Worte „Fachkräfte“ und „suchen“ in einem Satz ohne das Wort „händeringend“ zu benutzen. Klaus Max Smolka

Bilateral

Das waren noch Zeiten, als Entscheidungen in der Firma mit zwei beteiligten Parteien nur „zwischen uns zwei“ oder „unter vier Augen“ getroffen werden konnten. Heute muss es schon wesentlich staatstragender sein. Es könnte sonst ja auch irgendwie popelig klingen. Zu wenig wichtig. Wer heute mit einem Kollegen etwas klären muss, der berät sich bilateral. Als ob es dabei um ein Abrüstungsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion während des Kalten Krieges gehen würde – und nicht um einen Vertretungsplan während der Urlaubszeit oder um den nächsten Jahresabschluss. Schön ist der Begriff auch mit Blick auf den Außenkontakt. Wenn etwas mit dem Kunden bilateral geklärt werden soll wird allerdings die Frage erlaubt sein, wie zuvor eine Einigung ohne vorangegangene Verhandlungen und beiderseitiges Einvernehmen erzielt wurde – durch Würfeln? Da drängt sich die gute alte Redewendung auf: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Wer nicht Mitglied des diplomatischen Dienstes ist, wird in seinem Leben wohl nie ernsthaft in die Verlegenheit kommen, eine bilaterale Einigung erzielen zu müssen – außer man bemisst der Frage, wie Kollege Kraus endlich dazu bewegt werden kann, seine ständig schimmelig werdenden Essensreste aus dem Gemeinschaftskühlschrank zu eliminieren, genau so viel Bedeutung bei wie der Klärung des Nahostkonflikts. Eva Heidenfelder

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