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Soziale Unternehmer : Die Weltverbesserer

Die Politik wird auf die Sozialunternehmer aufmerksam: Angela Merkel diskutiert mit Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Bild: AP

Sie wollen die Gesellschaft verändern, ohne sich dafür an Gleise zu ketten. Stattdessen gründen sie Unternehmen und werben Investoren an. Und sie werden immer mehr.

          Der Traum fast aller Betriebswirtschaftsstudenten – für Lukas Dopstadt war er zum Greifen nah. Er hätte nur ja sagen müssen, als ihm die Personalmanager einer großen Unternehmensberatung das verlockende Angebot unterbreiteten und die Beraterlaufbahn schmackhaft machten. Der damals 24 Jahre alte Kölner war den Recruitern aufgefallen, weil er ungewöhnliche Geschäftsideen hatte und anders tickte als die meisten seiner Kommilitonen.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Doch beste Karriereaussichten und ein dickes Einstiegsgehalt konnten Lukas Dopstadt nicht überzeugen: Er sagte nein. Die Pläne für sein eigenes Unternehmen, mit dem er gesellschaftliche Probleme unternehmerisch angehen wollte, hatte er da schon längst in der Schublade.

          Gesellschaftliche Rendite statt eigenem Profit

          Vier Jahre später bereut Dopstadt, Geschäftsführer der Social Value GmbH, es nicht, dass er die Karriereautobahn links liegenließ und stattdessen eine Abzweigung nahm. „Mir geht es nicht um den maximalen Profit, ich will eine gesellschaftliche Rendite erwirtschaften“, sagt der Gründer, der statt Anzug und Krawatte Jeans und T-Shirt trägt. Die Währung, in der er diese Rendite misst, ist die Aufmerksamkeit, die er denen verschafft, deren Arbeit seiner Ansicht nach oft zu wenig gesehen wird: Kindergärten, Kirchengemeinden, Chören und Sportvereinen.

          Dopstadt, der mit seinen vier festen und zwei freien Mitarbeitern gerade in einen modernisierten Industriealtbau im Kölner Stadtteil Ehrenfeld umgezogen ist, überzeugt Unternehmen davon, Spenden auszuloben, um die sich gemeinnützige Organisationen bewerben können: Ein Stromanbieter spendierte eine Solaranlage, ein Zeitungsverlag professionelle CD-Aufnahmen und das evangelische Magazin Chrismon mehrere Geldgeschenke.

          Dopstadt verkauft Aufmerksamkeit – für einen guten Zweck

          Dopstadt weiß, dass er die Marketingabteilungen nur dann zum Spenden animieren kann, wenn die Unternehmen eine Gegenleistung erhalten. „Ich akquiriere nicht bei Gutmenschen“, sagt der Unternehmer. Darum organisiert er im Internet Kampagnen, bei denen darüber abgestimmt wird, wer die Spende erhält – und das in großem Stil. Gemeinsam mit Wirtschaftsinformatikern hat Dopstadt eine „virale Strategie“ entwickelt, die garantieren soll, dass möglichst viele Menschen aufmerksam werden. Mit seiner letzten Kampagne erreichte er 193 Kirchengemeinden, 180 000 Menschen gaben im Netz ihre Stimme ab.

          Dopstadt wirbt mit einem „doppelten Mehrwert“: Die Unternehmen, die für die Kampagnen bezahlen, erreichten mit schmalem Budget ihre Zielgruppe, und die Ehrenamtlichen bekämen eine Bühne für ihre Anliegen und fänden häufig neue Mitglieder und Unterstützer – egal, ob sie in der Abstimmung gewinnen oder nicht.

          Nun wird auch die Politik auf die Sozialunternehmer aufmerksam

          Lukas Dopstadt nennt sich „Social Entrepreneur“. Er gehört zu einer wachsenden Gruppe von sozialen Motiven getriebener Unternehmer, die die Welt ein Stück besser machen wollen, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger zu hantieren. Sie halten nicht viel davon, gegen den Kapitalismus zu wettern oder sich für ihre Ziele an Gleise zu ketten. Stattdessen schreiben sie Businesspläne, werben Investoren an und erproben ihre Ideen am Markt.

          Die risikobereiten Sozialarbeiter, zu deren Prinzipien es gehört, sämtliche Überschüsse ins Unternehmen zu reinvestieren, kümmern sich um Langzeitarbeitslose, Migranten, Behinderte und Benachteiligte und finden überall da ihren Platz, wo sich weder der Staat noch konventionelle Unternehmen breitgemacht haben. Weil sie neue Wege gehen, hofft nun auch die Politik, von den Sozialunternehmern profitieren zu können, und hat Anfang des Jahres ein Förderprogramm aufgesetzt.

          Die Experten sehen ihre Branche durchstarten

          Die Idee, unternehmerisch soziale Probleme zu lösen, ist nicht neu – bekannt geworden ist sie vor sechs Jahren, als Mikrokreditpionier Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis erhielt. Seine Idee: Menschen in Entwicklungsländern mit Minidarlehen zu Unternehmern machen und sie so aus der Armut befreien. Wie viele Unternehmer ihm in Deutschland nacheifern und mit einem selbsttragenden Geschäftskonzept soziale oder ökologische Fragen beantworten wollen, wird gerade erst erforscht.

          „Mein Eindruck ist, dass es immer mehr werden“, sagt Markus Beckmann, Juniorprofessor für Social Entrepreneurship an der Leuphana Universität in Lüneburg. Die praxisnahen Seminare des Forschers sind ausgebucht, auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Bewerbungen für Abschlussarbeiten und Dissertationen, und nicht selten gründen seine Studenten noch vor ihrem Abschluss ihr eigenes Sozialunternehmen.

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