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Smartphone-Stress : Keine Mails nach Feierabend

Nachricht vom Chef: Viele antworten heute auch in ihrer Freizeit auf dienstliche Mails. Bild: Bloomberg

Viele Beschäftigte sind dank Computer und Smartphone im Standby-Modus. Volkswagen schaltet darum abends einfach den Server ab. Vorbild für ein Gesetz? Oder ist das gar nicht notwendig?

          Da wollte der neue Mann doch gleich mal ein Zeichen setzen. Kaum, dass er selbst ins Amt des Ersten Vorsitzenden der IG Metall gewählt war, hat Detlef Wetzel gleich mal der kommenden großen Koalition in Berlin eine Forderung zum Schutz der Beschäftigten in ihrer Freizeit ins Stammbuch geschrieben. „Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sind“, findet Wetzel und fordert daher ein Gesetz zum Recht auf Feierabend. Es sei unzumutbar, dass immer mehr Beschäftigte nach Feierabend und an Wochenenden E-Mails oder Kurznachrichten von Vorgesetzten bekämen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Ob man die Forderung des Funktionärs nun teilt oder nicht - er hat sich auf jeden Fall ein Thema herausgepickt, das viele der rund 30 Millionen Beschäftigten in Deutschland bewegt. Denn die ständige Erreichbarkeit ist dank moderner Kommunikationsmittel längst ein Massenphänomen geworden. Fast jeder dritte deutsche Arbeitnehmer gibt an, rund um die Uhr für seine Vorgesetzten und Kollegen erreichbar zu sein, wie aus einer Umfrage des Telekommunikationsverbandes Bitkom hervorgeht. Drei von vier Beschäftigten stehen generell in ihrer Freizeit über Computer oder Smartphone mit dem Arbeitgeber in Kontakt. Und längst ist die „digitale Arbeitswelt“ nicht mehr nur auf Führungskräfte oder bestimmte Dienstleistungsbranchen beschränkt. Heute arbeiten neun von zehn Berufstätigen mit einem Computer, zwei von dreien auch mit einem Smartphone oder Handy. Auch das „Home office“ erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit: Ein Drittel der Befragten verrichtet regelmäßig von zu Hause aus die Arbeit, jeder Fünfte sogar täglich. Die Trennlinie zwischen Berufs- und Arbeitsleben verschwindet zusehends.

          Während die Beschäftigten vom einfachen Angestellten bis zum leitenden Manager also die Auswirkungen flexibler Arbeitskonzepte schon längst verspüren, haben die meisten Unternehmen dagegen noch kein schlüssiges Konzept für den Umgang mit den neuen Möglichkeiten entwickelt. Zumindest gibt es laut Befragung in 62 Prozent der Fälle überhaupt keine Vorgaben dazu, wann Mitarbeiter elektronisch erreichbar sein sollen und wann nicht. Bitkom-Präsident Dieter Kempf rät deshalb dringend dazu, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich auf klare Vereinbarungen festlegen. Ansonsten drohen sowohl den Beschäftigten als auch den Unternehmen enorme Schäden. „Viele Berufstätige leiden unter dem Stress, wenn sie sich in einem dauernden Standby-Modus befinden“, behauptet Kempf.

          Viel mehr Fehltage aufgrund psychischer Leiden

          Zwar verzerrt die Diskussion um den Begriff „Burnout“, der in Deutschland gar keine anerkannte Krankheit darstellt, das Bild über stressbedingte Erkrankungen ein Stück weit, weil plötzlich vieles in einen Topf geschmissen wird. Tatsache ist allerdings, dass psychische Erkrankungen laut Bundesarbeitsministerium heute für 11 Prozent der Arbeitsunfähigkeitszeiten verantwortlich sind. 1980 waren es noch 2 Prozent. Außerdem stieg die Zahl der Fehltage aus diesem Grund von 33 Millionen (2001) auf mehr als 53 Millionen im Jahr 2010. Und mit einem Anteil von 38 Prozent sind solche Beschwerden die häufigste Ursache für Frühverrentungen.

          Deshalb hat das Bundesarbeitsministerium mit „Psyga“ einen Leitfaden für Führungskräfte und Personalvertreter aufgestellt, um Stress in der Arbeitswelt zu reduzieren. Der Umgang mit elektronischen Medien spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Der wichtigste Tipp: klare Regeln im Unternehmen für die Erreichbarkeit festlegen und kommunizieren. Mittlerweile gibt es unzählige solcher Ratgeber zum Thema. Einiges davon klingt geradezu banal. Zum Beispiel rät die Deutsche Telekom ihren Führungskräften, sich bei jeder nach Feierabend verschickten E-Mail genau zu überlegen, ob das wirklich noch sein muss oder nicht doch bis zum nächsten Tag Zeit hat - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Die kluge Führungskraft mache sich bewusst, was die Mail beim Empfänger auslöse, weiß der Telekom-Ratgeber. In der Tat räumen selbst gestandene Führungskräfte immer wieder ein, dass sie sich beim pflichtbewussten Abarbeiten des Mail-Eingangs bis in den Abend hinein lange Zeit nicht klargemacht hatten, dass ihr Schreiben nicht nur den direkten Empfänger, sondern oft auch noch weitere Glieder in der Kette umgehend in Bewegung versetzen kann.

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