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Smartphone-Stress : Keine Mails nach Feierabend

Das etwas getan werden muss, darüber sind sich die meisten Beteiligten also einig. Allerdings stößt Metallchef Wetzel mit seiner Forderung nach einem Gesetz bei Arbeitgebern bislang auf wenig Gegenliebe. Sie möchten den Umgang mit elektronischen Kommunikationsmitteln lieber auf betrieblicher Ebene regeln. Schließlich liege dies im ureigenen Interesse der Wirtschaft, die durch den Stress der Angestellten einen jährlichen Schaden von geschätzt 16 Milliarden Euro erleide, argumentiert der Bundesverband der Personalmanager und rät seinen Führungskräften deshalb, für jeden Arbeitsplatz eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Personalführung hat in einer Umfrage unter fast 300 Personalmanagern herausgefunden, dass die Mehrheit betriebliche Regelungen oder direkte Absprachen mit dem Vorgesetzten für die beste Lösung halten. Neben dem Gesetz fiel auch der Vorschlag für tarifvertragliche Regelungen, wie ihn die noch amtierende Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) gemacht hat, beim Votum mit Pauken und Trompeten durch. Immerhin hielten allerdings auch mehr als ein Drittel der Befragten explizite Regelungen gänzlich für unnötig und vertrauten stattdessen auf die Eigenverantwortung von Mitarbeitern und Führungskräften. Genau hier liegt aber häufig das Problem: Wie macht man dem Vorgesetzten klar, dass man aus reiner Eigenverantwortung heraus seine abendlichen Mails nicht mehr beantworten will, ohne sich damit sofort ins Karriereaus zu befördern?

Weil sie wohl genau an diesem Punkt zweifelten, haben die mächtigen Betriebsräte im wohl am stärksten mitbestimmten Konzern Deutschlands dem Vorstand vor zwei Jahren eine bislang einmalige Regelung abgerungen: Bei Volkswagen sind für mehr als 3500 tariflich Beschäftigte mit dienstlichen Smartphones E-Mails nach Feierabend nicht nur verboten, sondern schon aus technischen Gründen gar nicht möglich. Dort wird nach Dienstschluss nämlich einfach der Server heruntergefahren. Zwischen 18.15 Uhr abends und 7 Uhr morgens trudelt im Postfach keine einzige Nachricht ein.

Bei den Mitarbeitern kommt diese Regelung gut an, berichtet VW-Betriebsratssprecher Jörg Köther. „Das ist eine rundum gelungene Lösung, die auch nicht mehr erweitert werden muss.“ Er hält es für überflüssig, sie auf Telefongespräche zu übertragen, schließlich gebe es dabei ohnehin eine höhere Hemmschwelle als bei elektronischen Nachrichten. Allenfalls anfangs hätte es einige Schwierigkeiten geben, als auch Kollegen in Asien plötzlich keine E-Mails bekommen hätten. Doch dies habe schnell behoben werden können. Führungskräfte, die von einer solchen Regelung naturgemäß wohl am meisten profitieren würden, sind davon allerdings ausgeschlossen. Für sie gilt das Arbeitszeitgesetz gar nicht, das klare Grenzen vorgibt. Danach dürfen Mitarbeiter nicht länger als zehn Stunden am Tag arbeiten und müssen eine Ruhezeit von mindestens 11 Stunden bekommen.

Intern mag diese Regelung auf breite Zustimmung stoßen - direkte Nachahmer hat sie indes wohl noch nicht gefunden. „Wir sind die Einzigen, die eine harte technische Lösung gefunden haben, indem wir den Stecker gezogen haben“, sagt Köther. Bei anderen sei dieses Problem eher Verhandlungssache. An einer komplizierten Umsetzung oder zu hohen Kosten kann das seiner Ansicht nach allerdings nicht liegen: „Es musste lediglich ein weiterer Server gekauft werden“, berichtet er. Danach sei das technisch kein Problem.

Automatische Löschung und knapper Speicherplatz

Einen etwas anderen Service bietet der Stuttgarter Autobauer Daimler seinen Mitarbeitern. Sie können Dienst-Mails im Urlaub automatisch löschen lassen - mit einem Hinweis an den Absender. Den gleichen Effekt erzielt man allerdings auch mit einer knappen Bemessung des Speicherplatzes für E-Mails. Da kann es schon einmal vorkommen, dass während der Fernreise in die Karibik das elektronische Postfach vollläuft - und schlicht keine neuen Nachrichten mehr entgegennimmt.

Es gibt allerdings auch Kritiker, die das gesamte Thema für aufgebauscht halten. „Der derzeitige Stand der Forschung gibt keine Belege für eine mehrheitliche Überbelastung der Erwerbstätigen“, sagt Stephan Sandrock vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaften, kurz Ifaa, und beruft sich dabei auf Untersuchungen der Krankenkasse DAK, wonach sich lediglich 4 Prozent der Beschäftigten davon belästigt fühlen, wenn sie nach Feierabend und an Wochenenden ihre Mails lesen. Viele könnten dank elektronischer Hilfsmittel Freizeit und Beruf sogar besser vereinbaren. Ein Gesetz wie von Gewerkschaftsführer Wetzel gefordert ist deshalb laut Ifaa-Vertreter Sandrock überflüssig - dessen Institut den Arbeitgebern der Metallindustrie gehört.

„Der derzeitige Stand der Forschung gibt keine Belege für eine mehrheitliche Überbelastung der Erwerbstätigen.“ Stephan Sandrock, Ifaa

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