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Nachwuchssuche der Bundeswehr : Mehr als nur Flecktarn

Auch das ist ein Einsatz: Soldaten werben im Showroom der Bundeswehr in Berlin-Mitte um Nachwuchs für die Truppe. Bild: Sebastian Wilke

Infobroschüren im tarnfarbenen Turnbeutel: Die Bundeswehr wirbt in ihrem neuem „Showroom“ in Berlin betont locker um Nachwuchs – aber so schnell ändert sich die Truppe nicht.

          Stillgestanden! Und schnell die Handys weg! Hier kommt ein potentieller neuer Rekrut. Sogar einer von der ganz begehrten Sorte, es ist nämlich eine Frau. Die Männer bieten sogleich ihre Hilfe an. „Wollen Sie vielleicht ein paar Informationen zu Einsätzen im Ausland?“, fragt einer im Feldanzug. „Oder zu einer zivilen Karriere?“, lockt der Feldwebel.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Die junge Frau wirkt ein bisschen überfordert und hält sich an dem halben Dutzend Broschüren fest, das sie zuvor eingesammelt hat. Denn die Überlegung, dass die Bundeswehr auch für sie ein Arbeitgeber sein könnte, ist noch relativ frisch. Sie wolle sich erst einmal informieren, welche Berufe es bei der Bundeswehr überhaupt so gebe, sagt sie, und die eifrigen Soldaten ziehen sich diskret zurück. „Ja klar, gerne.“ Rühren.

          Deutschland wird neuerdings auch in Berlin-Mitte verteidigt, zwischen einer Apotheke und einem Schuhladen. Wo bis vor kurzem noch Brötchen verkauft wurden, hat sich die Bundeswehr in bester Hauptstadtlage eingemietet. Die paar Quadratmeter auf zwei Etagen hat sie „Showroom“ getauft, und sogar Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen war bei der Eröffnung im November zu Besuch.

          Särge vor dem Showroom

          Der Termin war ihr offenbar wichtig. Denn seitdem die Wehrpflicht ausgesetzt ist, konkurriert das Heer mit Sparkassen, Versicherungen und Handwerksbetrieben um junge Leute. Unter 60.000 Bewerbungen würde Frau von der Leyen gerne auswählen können, um die angepeilten 20.000 Neueinstellungen je Jahr zu erzielen. 2013 ist das gelungen: Knapp 25.000 Männer und Frauen bewarben sich für die zivile Laufbahn (2200 wurden genommen), 58.000 für den Militärdienst (20.000 wurden genommen). 185.000 Soldaten gibt es insgesamt derzeit. Ihre Aufgaben und Einsatzfelder werden in den nächsten Jahren wahrscheinlich nicht weniger werden.

          Das hat schon bei der Eröffnung des Showrooms einige Demonstranten auf den Plan gerufen, die die Bundeswehr vermutlich am liebsten gleich ganz abschaffen würden. Sie riefen „Kein Werben für das Sterben“ und störten die Rede der Bundesverteidigungsministerin. Auch jetzt, zwei Monate nach der Eröffnung, fliegt immer mal wieder ein Farbbeutel gegen die breite Fensterfront. Regelmäßig fährt eine Streife vorbei und schaut nach dem Rechten. Als über Nacht einige Protestler vor dem Showroom Särge auf den Bordstein malten, griffen die Polizisten kurzerhand zu Wasser und Besen. Bis das Karrierecenter der Bundeswehr öffnete, war alles wieder sauber.

          In dem Raum, in dem der Nachwuchs für die Truppe begeistert werden soll, gilt das sowieso. Kein Krümmel liegt auf dem blauen Teppich, kein Staubkorn auf dem riesigen Flachbildfernseher. Die Schaufensterpuppe im grün-braunen Flecktarn irritiert da fast etwas. Auch was einer der Soldaten zu dem Werbefilm sagt, der nun auf dem Flachbildfernseher zu sehen ist. Männer springen in einer Szene aus einem Hubschrauber, wie Actionhelden. „Das gehört dazu“, sagt der Soldat. In einer anderen Szene tragen Soldaten ihren verletzten Kameraden vom Feld. „Und auch das“, und man erinnert sich daran, dass die Bundeswehr auch zum Kämpfen da ist.

          Gute Karrierechancen für Frauen

          Dabei versucht die Bundeswehr derzeit alles, um sich als moderner und vielseitiger Arbeitgeber zu präsentieren. Als Jurist in der Verwaltung? Kein Problem. Sich bei der Truppe verpflichten und zusätzlich Medizin studieren? Liebend gern. 55 Bachelor- und Masterstudiengänge bietet die Bundeswehr an.

          Vor allem Frauen haben gute Chancen, eingestellt zu werden und aufzusteigen, schließlich will die Bundeswehr ihren Frauenanteil von derzeit etwa 10 auf einmal 15 Prozent steigern. Dazu soll auch die Vereinbarkeit von Truppendienst und Familie verbessert werden.

          Trotzdem könne es passieren, dass man auch als Frau in eine ganz andere Ecke Deutschlands versetzt werde, als ursprünglich geplant, erklärt einer der Soldaten. Auch bei der Bundeswehr brauchen Veränderungen offenbar Zeit. Die Informationsblätter zur zivilen Karriere, die die junge Frau mit nach Hause nehmen möchte, packt der helfende Kamerad deswegen auch noch in einen Stoffbeutel im grün-braunen Tarndesign.

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