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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz : Die haben es doch so gewollt

Für die einen eine freundliche Geste, für andere schon eine handfeste Belästigung: Wann ist die Grenze zu sexueller Belästigung überschritten? Bild: Picture-Alliance

Der Grat zwischen einem harmlosen Büroflirt und sexueller Belästigung ist schmal. Doch nicht nur Männer müssen sich vorsehen, die Grenzen zur Anzüglichkeit nicht zu überschreiten.

          Versammlung in einem Industrieunternehmen in Amerika, eine Gruppe von Arbeitern, männlich, sitzt dicht an dicht im Konferenzraum. Herein kommt: die Wirtschaftsprüferin, adrett im Blazer, an den Standort entsandt, um nach dem Rechten zu sehen. Ob sie sich irgendwo hinsetzen könne, fragt sie in die Runde, freie Stühle sind keine mehr vorhanden. Ein Augenblick Stille, dann Gelächter, als einer der Herren sich einladend auf die Schenkel schlägt. Bald darauf wird doch ein Stuhl frei. Dauerhaft. Denn der Scherzvogel muss gehen, nach 35 Jahren im Betrieb. Sein Arbeitgeber legt Wert auf ein diskriminierungsfreies Umfeld, für Anzüglichkeiten der präsentierten Art bleibt da kein Raum. Kein Einzelfall in den Vereinigten Staaten, in denen die Sensibilitäten im politisch korrekten Umgang mit Sexualität seit jeher fein ausgeprägt sind.

          Constantin van Lijnden

          Redakteur für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Doch auch in Deutschland hat sich über die letzten Jahrzehnte eine beachtliche Evolution vollzogen. 1983 wurde bekannt, dass der grüne Bundestagsabgeordnete Klaus Hecker gleich einer Reihe weiblicher Untergebener ungebeten an den Busen gefasst hatte. Neun von zehn wollten das doch so, hatte Hecker damals zunächst noch erklärt, bevor er eine gewundene Entschuldigung offerierte. Dass über die Notwendigkeit seines Rücktritts rege diskutiert und dieser erst Wochen später vollzogen wurde, steht im bizarren Kontrast zum Fall des FDP-Politikers Rainer Brüderle, dem ein politisches Ausscheiden 30 Jahre später über die bloße Kommentierung der Oberweite der ihm durchaus nicht untergebenen Journalistin Laura Himmelreich nahegelegt wurde.

          Begleitet worden ist dieser Wandel des Moralempfindens durch neue Normen und Institutionen, die seiner Durchsetzung dienen, namentlich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Zwar betrafen nur 215 der knapp 10.800 Anfragen, die dort seit der Gründung 2006 eingingen, sexuell übergriffiges Verhalten im Beruf. Doch die Dunkelziffer dürfte hoch sein, schätzt Behördenleiterin Christine Lüders. Oft hätten Betroffene Hemmungen, sich jemandem anzuvertrauen - aus Scham und auch aus Angst um die eigene Anstellung.

          Männer sind schnell in der Täterrolle

          Die Statistik gibt ihr offenbar recht: Nach einer allerdings etwas älteren Studie der Europäischen Kommission haben zwischen 30 und 50 Prozent aller EU-Arbeitnehmerinnen Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz erlebt, nach einer Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums waren es 2005 gut 20 Prozent aller Frauen in Deutschland. Die Belästigung von Männern ist schlechter erforscht, interessante Ergebnisse lieferte jedoch eine Untersuchung im Auftrag des Schweizer Nationalfonds aus dem Jahr 2013: Danach sind Männer und Frauen in der Arbeitswelt in etwa gleich häufig Verhaltensweisen ausgesetzt, die eine sexuelle Belästigung darstellen können, aber Frauen fühlen sich durch diese rund dreimal so häufig tatsächlich belästigt wie Männer.

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