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Arbeiten an Sehnsuchtsorten : Mit dem Buchhändler auf der Lese-Insel Juist

  • -Aktualisiert am

Juist aus der Luft Bild: dpa

Thomas Koch versorgt seit 25 Jahren Urlauber mit Büchern. Er hat ein Herz für Krimis und beginnt seinen Tag morgens um sechs mit einem Bad im Meer.

          Thomas Koch, einziger Buchhändler auf der ostfriesischen Insel Juist, fährt kein E-Bike. „Das ist für mich eine Altersfrage. Mir tut das Fahren und Treten noch sehr gut“, sagt er. Gerade auf einer autofreien Insel wie Juist wäre der Umstieg in Richtung etwas mehr Bequemlichkeit ja eigentlich naheliegend. Mit 64 Jahren fühlt Koch sich aber rüstig genug, um täglich in die Pedale zu treten und bei Wind und Wetter zu seinem Arbeitsplatz in der Friesenstraße 23 zu radeln.

          So wie er auch nur ungern auf sein morgendliches Bad in den Nordseewellen verzichtet. Solange das Thermometer nicht weniger als 12 Grad Wassertemperatur anzeigt, startet der Mann mit dem wuscheligen Lockenkopf seinen Arbeitstag um sechs Uhr früh mit einem erfrischenden Bad in der Brandung.

          Aus der Ruhe zu bringen ist Koch so schnell nicht. Bittet man ihn morgens spontan um einen Interviewtermin, sitzt man nachmittags schon in seinem Laden. „Bei laufendem Dienst, ich muss ja meine Brötchen verdienen.“ Seit einem Jahr ist er ganz allein im Geschäft, die einzige Angestellte ging in Rente. „Saisonkräfte kann ich nicht einstellen, weil ich ihnen hier keinen Wohnraum bieten kann“, sagt er.

          „Eine geballte Klientel, die belesen ist“

          Seine Eltern, die 1950 die Buchhandlung aus dem Bestand einer kleinen Leihbücherei gründeten, konnten sich jahrzehntelang auf Studenten verlassen, die gern für ein paar Wochen oder Monate auf die Insel kamen und aushalfen. Bei den aktuellen Mietpreisen sei das leider nicht mehr möglich, sagt der Sohn.

          Aber Thomas Koch ist auch so zufrieden, es „klappt auch allein ganz gut“. Natürlich sei Buchhandel heute ein hartes Brot. Aber er habe zum Glück auf Juist „eine geballte Klientel, die belesen ist“. Wer einen Nachmittag lang das bunte Treiben im Laden beobachtet, versteht, was Koch damit meint. Und auch, warum er zufrieden ist. Von einer solchen Kundenfrequenz kann mancher Buchhändler auf dem Festland nur träumen. Da sind etwa die jungen Eltern, die nach dem Pappbilderbuch „Mein erstes Buch vom Meer“ fragen.

          Thomas Koch in seinem Buchladen

          Sie haben es im Schaufenster gesehen, Koch angelt es aus der Auslage. Strahlend verlassen sie den Laden. Dann kommt ein Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, das nach einem Fantasy-Band fragt. Ein Vater würde gern seinen beiden Söhnen aus dem Buch von Konrad Lorenz „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ vorlesen. Das Buch müsse aber erst bestellt werden und sei vor Samstag nicht da, sagt Koch.

          Auf der Suche nach innerer Einkehr

          Heute ist Montag. „Das ist egal, wir bleiben länger“, sagt der Vater. Zwischendurch gehen jede Menge Postkarten über den Ladentisch. „Hardcover-Bücher gehen schlecht, Sachbücher sind auch nicht so gefragt. Im Urlaub wollen die Leute vor allem Unterhaltungsliteratur lesen: Krimis und Romane“, sagt Koch.

          Wer nach Juist kommt, hat meist viel Zeit im Gepäck. Viele treibt es beruflich in der Welt genug umher – sie suchen auf der Insel Ruhe und innere Einkehr. Mit Pferdegetrappel, Möwengeschrei, Wind und Wellen als Geräuschkulisse ist Juist vor allem eines: eine Lese-Insel. Gelesen wird praktisch immer und überall. Bei Sonnenschein sitzen die Gäste im Strandkorb und auf den zahlreichen Bänken der Strandpromenade, am Schiffchenteich, auf den Aussichtsdünen oder in den kleinen Parks und lesen.

          Einladende Leseecken gibt es überall, so wie hier im kleinen Kurgarten mit der Konzertmuschel und dem Schiffchenteich. Bilderstrecke

          Bei schlechtem Wetter verkriechen sie sich zum Schmökern in Teestuben, Restaurants, Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen. Und auf der anderthalbstündigen, tideabhängigen Fährüberfahrt von und nach Norddeich-Mole sieht man auch viele Leseratten. Hängt das Schiff mal wieder wegen Niedrigwasser fest und muss man bis zur nächsten Flut warten, so ist manch einer froh, etwas zum Lesen dabei zu haben.

          Buchhändler und Laienschauspieler

          Insofern sitzt Koch auf dem „Töwerland“, wie Juist im Marketingjargon heißt, relativ sturmfest im Sattel. Im Gegensatz zum Fotogeschäft samt Fotolabor gleich um die Ecke seines Ladens, das seine Pforten längst geschlossen hat. Im Selfie-Zeitalter hat sich dessen Geschäftsmodell erledigt.

          Wie gut, dass Koch nur auf der Bühne in die Rolle des Fotografen geschlüpft ist, so wie in diesem Jahr mit seiner Theatergruppe „Antjemöh“. Nur wenige Tage nach der Premiere des neuen Saisonstücks auf der Ferieninsel durfte der Buchhändler und Laienschauspieler sich auf die Reise „nach Deutschland“ begeben, wie man hier das Festland nennt, um in Aachen eine besondere Auszeichnung entgegenzunehmen:

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