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Serie „Anders Arbeiten“ : Das Büro – ein Raum mit Seele

  • -Aktualisiert am

„Der heilige Hieronymus im Gehäuse“: Ein Ölgemälde von Antonello da Messina (um 1430-1479). Bild: culture-images/fai

Alles begann im Kloster, mit der Sehnsucht nach Weisheit und Wissen. Ein Märchen von der Entstehung des Büros.

          Vor langen Jahren lebte in einer entlegenen Abtei ein Mönch. In jungen Jahren schon war er dem Kloster beigetreten, denn seine Seele sehnte sich nach Weisheit und nach Wissen. Als Knabe hatte er vernommen, dass die Mönche jenes Klosters einen reichen Schatz an Büchern hüteten, die sie in großer Treue und mit unsagbarem Fleiß abschrieben und mit feinen Bildern illustrierten. Da er davon hörte, fasste er den einsamen Entschluss, seiner Heimat Lebewohl zu sagen und um Aufnahme in die Abtei zu bitten. Und so kam es, dass der Mann zunächst Novize wurde, ehe er vom Abt als Schreiber und Kopist in Dienst genommen wurde.

          Die Jahre zogen langsam und gemächlich über jenes alte Kloster fort, und unser Mönch spürte die Vorboten des Alters in den Gliedern. Seit ein paar Wochen strengte es ihn an, die riesigen Folianten durch die kalten Klostergänge in die kleine Zelle zu bewegen, wo er mühsam über seine Lagerstatt gebeugt die Arbeit des Kopisten zu verrichten pflegte. Und man sah ihn manche Stunde durchs Geviert des Kreuzgangs schreiten, wo er offenbar in tiefstes Nachdenken versunken war. Und tatsächlich: Unser Mönch ging mit sich um, da er nach einer Antwort auf die Frage suchte, wie er weiter-hin seiner Mission die Treue halten könne – ohne dabei aber doch seine Gesundheit zu gefährden. Weil die Mitbrüder den Grübelnden in Frieden ließen, dauerte es gar nicht lange, bis ein Lächeln über seine Lippen spielte, da der Herr ihm eine Eingebung gewährte.

          Er schritt zum Abt des Klosters, der im Rufe höchster Weisheit stand. Mit kluger Hand und großer Umsicht sorgte er dafür, dass die Abtei ein Ort des guten Lebens war. Er hatte sich in seiner Jugendzeit mit Wissenschaft befasst und kannte die Mysterien des Himmels und der Erde. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass er stets den Blick aufs Ganze wahrte. Die Abtei war ihm ein Abbild unseres Kosmos. Und er wusste, dass er seinen Brüdern dann am besten dienen könne, wenn er all die ewigen und ehernen Gesetze, die im Kosmos walten, auch in ihrem kleinen Universum geltend machte. Also achtete er darauf, dass jeder seiner Mitbrüder die gleiche, ungeteilte Achtsamkeit von ihm erhielte – und dass jeder die ihm eigenen und unverwechselbaren Potentiale seiner Seele frei und schön entfalten könne.

          Mit Leichtigkeit und ohne Schmerz

          Also wurde unser Mönch vom Abt des Klosters warmherzig empfangen und darauf befragt, welches Begehr ihn zu ihm führe. Da erwiderte der Mönch, er stelle fest, dass ihm das Alter in die Glieder fahre. Deshalb wünsche er, seiner Aufgabe als Schreiber und Kopist fortan direkt am Standort der Folianten, Schriftrollen und Bücher nachgehen zu dürfen. Um solches zu ermöglichen, habe er eine Art von Pult ersonnen, an dem stehend er sein tägliches Geschäft mit Leichtigkeit und ohne Schmerz werde verrichten können.

          Der Abt war entzückt über den Einfallsreichtum seines Bruders, dankte ihm für seinen Vorschlag und gewährte seine Bitte, solch ein Pult zu bauen. Unser Mönch schritt mit Begeisterung zu Werke. Seine kleine Zelle wurde über Nacht zur Werkstatt, wo er hämmerte und sägte, nagelte und klopfte. Er probierte dies und jenes. Dass er darüber die Aufgabe als Schreiber ein paar Wochen ruhen ließ, empörte seine Brüder nicht. Denn sie hatten Freude an der kühnen Schöpferlust ihres Gefährten.

          Endlich war der Tag gekommen, da er schwerfällig sein Pult durchs enge Treppenhaus in jene große Halle schleppte, wo die Bücher lagerten. Frohgemut zog er das schwerste aller Konvolute aus dem großen, alten Schrank hervor und wuchtete es auf sein Schreibpult. Aber ach, das Buch war zu gewichtig oder sein Gestell zu schwach – auf jeden Fall zerbarst es auf der Stelle, und das teure Buch fiel dumpf zu Boden. Groß war da das Mitgefühl der Brüder, die ihn trösteten und ihn ermutigten, nicht aufzugeben, sondern eine andere und bessere Lösung zu finden. Da standen sie im Kreis und tauschten ihre Meinung aus. Der Abt ließ sie gewähren, denn er wusste, dass es gut sei, wenn die Mönche kokreativ zusammenfänden. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, da hatten sie gemeinsam einen Einfall: Sie wollten aus der Tischlerei zwei große, stämmige Böcke und ein starkes Brett herbeischaffen, das mühelos das Schwergewicht der Bücher tragen werde.

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