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Schwangere Chirurginnen : Wenn werdende Mütter operieren wollen

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Die Autorinnen der Studie um Bettina Toth von der Universitätsfrauenklinik Heidelberg stufen eine „Aktualisierung“ des Mutterschutzgesetzes zwar als wünschenswert ein. Sie schließen ihren Aufsatz jedoch mit dem mahnenden Hinweis, dass es auch Kolleginnen gebe, die eine solche Lockerung fürchten. Denn der Mutterschutz ist ein hohes Gut. Und die Frage, wie man Frauen, die freiwillig schwanger in einer risikoreichen Umgebung weiterarbeiten wollen, diese Freiwilligkeit ermöglicht und zugleich diejenigen, die besonders geschützt werden wollen, davor bewahrt, unter Druck von Vorgesetzten und Kollegen zu geraten, ist ungelöst.

Oberste Priorität hat, dass keine Frau gedrängt oder gezwungen wird“, sagt Astrid Bühren, Ehrenpräsidentin des Ärztinnenbundes und Mitglied einer Expertenkommission am Bundesgesundheitsministerium, die sich mit der Reform des Mutterschutzgesetzes für den Arztberuf beschäftigt. Neben dieser Kommission kümmern sich verstreut in Deutschland andere Initiativen um das Thema. So hat Bettina Toth das „Heidelberger Schwangerschafts- und Elternzeitprogramm“ entwickelt, das Ärztinnen mit Aufklärungsgesprächen durch die Schwangerschaft begleitet. Sabine Wicker, Betriebsärztin am Frankfurter Uniklinikum, erregte vor drei Jahren mit einer Publikation im Fachmagazin „Der Chirurg“ Aufmerksamkeit, in der sie empfahl, Schwangere gezielt nur bei Patienten einzusetzen, die man zuvor auf HIV und Hepatitis C getestet hat, also auf Infektionen, die man sich durch Stiche mit kontaminierten Kanülen und Skalpellen zuziehen kann. Zusätzlich sollten stichsichere Instrumente verwendet und Spezialhandschuhe getragen werden.

Es geht um mehr als um den Mutterschutz

Von Wickers Studie profitierte das Projekt „Operieren in der Schwangerschaft“ der Nachwuchsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Die beiden Chirurginnen Stefanie Donner und Maya Niethard nutzten ihre eigenen Schwangerschaften als Modell für gesetzeskonformes Weiteroperieren. Donner operierte bis zum neunten, Niethard bis zum sechsten Monat. Ihre Erfahrungen im Kampf mit Personalchefs, Betriebsärzten und dem Gewerbeaufsichtsamt machten sie Mitte Januar auf der Website www.opids.de zugänglich. „Eine unserer wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Schwangere im OP unter Umständen geschützter sind als in der Ambulanz“, sagt Stefanie Donner. Hätte manch schwangere Ärztin im OP-Saal auch ruhige Momente, so wird sie durch eine Versetzung in vermeintlich risikofreie Bereiche wie die Aufklärungsambulanz plötzlich unerwartetem Stress ausgesetzt, weil sich dort die Patienten drängen und womöglich auch unbekannte Infektionen mitbringen.

Trotz dieser Initiativen wurde die Überarbeitung des Mutterschutzgesetzes - die auch im Koalitionsvertrag als Ziel genannt wird - von den zuständigen Bundesfamilienministerinnen über Jahre nicht in Angriff genommen. Dabei könne man so auch verhindern, dass Ärztinnen ihre Schwangerschaft verheimlichen und deshalb in riskante Situationen kommen, sagt Astrid Bühren. Erschwert wird die Debatte nicht nur durch die unterschiedlichen Vorstellungen der Ärztinnen, was sie sich in der Schwangerschaft zumuten wollen. Auch das Fachgebiet hat einen Einfluss. Dass viele operativ tätige Ärztinnen mit dem Mutterschutzgesetz hadern, ist durch Toths Studie nun bekannt. Wie hingegen Befragungen unter Kinderärztinnen, Anästhesistinnen oder Dermatologinnen ausfallen würden, die ganz anderen Risiken ausgesetzt sind, ist ungewiss.

Die Gynäkologin Bettina Toth kann sich vorstellen, dass auch der in der Ärzteschaft schwelende Generationenkonflikt noch eine Rolle spielen wird. Ärztin ist ein begehrter Laufbahnberuf für Frauen geworden. Mit den sicheren Perspektiven und der soliden Bezahlung, die er bietet, glauben viele, Familie und Beruf besser als in anderen Branchen verbinden zu können. „Viele Kolleginnen wollen nach der Schwangerschaft gar nicht in Führungspositionen, sondern Teilzeit arbeiten“, sagt Toth. Für viele mag deshalb auch der schnelle Abschluss der Facharztweiterbildung trotz Schwangerschaft gar nicht mehr oberste Priorität haben. Die Vorstöße, das Mutterschutzgesetz zu lockern, bewegen sich also gegen den Trend. Dass der Schutz schwangerer Ärztinnen über die Frage des OP-Einsatzes hinausgeht, zeigen auch die Randnotizen, die Toth mit den Fragebögen zurückbekam. Die Teilnehmerinnen beschwerten sich nicht nur über das Mutterschutzgesetz - sie klagten auch über fehlende Kinderbetreuungsplätze, unflexible Arbeitszeitmodelle und geringe finanzielle Hilfen.

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