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Schulnoten : Die Suche nach dem rechten Maß

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Wie sind Schülerleistungen am besten zu bewerten? Schulnoten sagen längst nicht alles über die Fähigkeiten eines Menschen aus. Aber auch alternative Bewertungssysteme ohne Noten haben ihre Nachteile.

          Die Montessori-Oberschule in Potsdam ist eine staatliche Schule - doch hat sie mit anderen staatlichen Schulen wenig gemein. Einer der großen Unterschiede ist, dass die Schüler, zumindest von der Klasse eins bis zur Klasse acht, keine Noten bekommen. In den letzten Klassen fügt man sich dann der Tatsache, dass Noten das vorherrschende Bewertungssystem in Deutschland sind.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Die Potsdamer Praxis könnte den Verdacht aufkommen lassen, dass die Schüler dort in Watte gepackt und nicht zu Leistung erzogen werden. Diese Vermutung weist die Direktorin der Schule, Ulrike Kegler, weit von sich. „Schüler brauchen eine eindeutige Rückmeldung über ihre Leistungen“, ist auch Kegler überzeugt. Allerdings seien Ziffernnoten von eins bis sechs dafür völlig ungeeignet. „Zensuren sind sogar richtig schädlich“, meint Kegler, „sie machen Potentiale kaputt.“ Sie seien ein „primitives Rangordnungssystem“, das den Anreiz zu lernen zerstöre. Noten führten dazu, dass sich Schüler die ganze Zeit miteinander verglichen und ständig überlegten, was sie für welche Leistung bekämen. „Das lenkt vom Lernen ab“, sagt Kegler.

          Der Siegener Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann spricht von einer „Fremdsteuerung“ durch Noten. Viele Schüler lernten vor allem für Noten und nicht, um inhaltlich weiterzukommen. „Kurzfristig kann Notendruck motivieren“, sagt Brügelmann. Langfristig sollten Schüler aber lernen, sich selbst zu organisieren und selbständig zu lernen. „Das wird durch den Notendruck eher verhindert.“ Die Befürchtung, dass Schüler ohne Noten weniger Leistung zeigten, sei bisher durch Studien widerlegt worden. „Noten und Leistung sind eher leicht negativ korreliert“, erläutert Brügelmann den Stand der Forschung.

          Leistung bedarf einer Rückmeldung

          Genauso wie Kegler ist der Erziehungswissenschaftler überzeugt, dass Leistung einer Rückmeldung bedarf. Doch welches andere Bewertungssystem sollte die Noten ersetzen? Als wichtigste Alternative werden schriftliche Bewertungen diskutiert, wie man sie aus der Arbeitswelt kennt. Auch an der Potsdamer Montessori-Schule bilden verbale Beurteilungen den Kern eines Bewertungssystems, das über mehrere Jahre eingeführt, stetig weiterentwickelt und verbessert worden ist. Dies war ein schwieriger, anstrengender und zeitraubender Prozess - daran lässt Schulleiterin Kegler keinen Zweifel. Doch ist sie mit dem Ergebnis, das von Wissenschaftlern der Universität Bielefeld für gut befunden wurde, zufrieden. Eine Rückkehr zu Ziffernnoten wäre für sie ohnehin undenkbar.

          Zweimal im Jahr, zum Ende eines jeden Schulhalbjahres, halten die Schüler der Montessori-Schule eine eineinhalbseitige verbale Beurteilung in den Händen. In ihr steht, wo die Schüler fachlich stehen und wie sie sich sozial entwickelt haben. Außerdem wird eine Prognose für die Zukunft abgegeben. In den Klassen sechs, sieben und acht findet zudem eine Selbsteinschätzung des Schülers Eingang in das Schreiben. Schon von der vierten Klasse an verfügt jedes Kind über ein Pensenbuch. In ihm steht, welche Lernziele zu erreichen sind und inwieweit der Schüler diese Ziele erreicht hat. Kegler hält es für wichtig, dass die Schüler von vorne herein wissen, was von ihnen erwartet wird. „Wie in einem Betrieb muss man seine Ziele kennen.“ In normalen Schulen wisse meistens nur der Lehrer, was das Kind lernen solle.

          Das Schreiben verbaler Beurteilungen macht viel Arbeit

          Allein das Schreiben der verbalen Beurteilungen macht viel Arbeit. „Für 24 Kinder zieht sich das für einen Lehrer über vier bis sechs Wochen hin“, sagt Kegler. Weil sich die Lehrer zudem intensiv über die einzelnen Schüler austauschen müssen, finden zum Ende jedes Schulhalbjahres eine Reihe gemeinsamer Konferenzen statt. Doch geht die Herausforderung für die Lehrer weit darüber hinaus. Sie müssen sich in die Karten schauen lassen, sagt Kegler. „Verbale Beurteilungen sagen viel über den Unterricht aus, die sprachlichen Fähigkeiten des Lehrers und darüber, was in der Schule passiert.“ Stehe zum Beispiel in der Beurteilung, dass der Schüler nicht konzentriert gearbeitet habe, dann fragten die Eltern womöglich, wie es so weit kommen konnte. „Man macht sich angreifbar und muss sich zu seiner Verantwortung bekennen“, sagt Kegler.

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