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Schauspielschul-Leiter Jochen Noch : „Kreativer Entwicklungsberuf mit eigenem Tempo“

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Jochen Noch Bild:

Jochen Noch leitet seit drei Jahren die Otto-Falckenberg-Schule. Bis zu 800 junge Leute bewerben sich dort jährlich. Aufgenommen werden zwölf. Im Interview berichtet Noch, worauf es ihm bei den Kandidaten ankommt.

          Herr Noch, worauf legen Sie bei Bewerbern Wert?

          Wir merken schnell, was ist ernst gemeint, was ist ein Missverständnis. Durch die große Zahl der Castings im Fernsehen wird ja oft ein falsches Bild von einem Beruf gezeichnet. Uns geht es um große Ernsthaftigkeit. Formal setzen wir einen mittleren Schulabschluss und ein Alter zwischen 17 und 24 Jahren voraus.

          Voraussetzung für die Aufnahme ist eine „besondere künstlerische Begabung“, schreiben Sie. Wie stellt man diese fest?

          Natürlich ist ein Auswahlverfahren immer subjektiv. Das kann gar nicht anderes sein in einem Kreativberuf. Man lernt die jungen Menschen aber im Lauf des zeitaufwendigen Auswahlverfahrens kennen. Denn die Kommission trifft ja ab November bis Februar in mehreren Runden auf die Bewerber. Und wir spüren ganz schnell, ob jemand mit dem, was er erzählen will im besten Sinne tauglich ist: Also, hat er eine Vorstellungskraft im Bezug auf andere Dinge. Es ist ja irgendwie abgedroschen, stimmt aber: Der alte Falckenberg hat das mal auf das Kürzel ’Persönlichkeit und Phantasie’ gebracht. Das ist das, was ihn am Schauspieler interessiert. Und er hat recht.

          Die Absolventenliste ist voller prominenter Namen, von Ruth Drexel bis Sebastian Koch. Springen Ihnen dennoch Schüler ab?

          Nein. Aber zweimal haben Bewerber von sich aus abgesagt, weil sie sich die Stadt München nicht leisten können. Das ist ein Wermutstropfen. Der Besuch der Schule ist zwar kostenfrei, aber das Leben hier ist teuer, vor allem die Mieten sind extrem hoch. Wenn die Schüler nicht von Zuhause aus Unterstützung erfahren, ist die Ausbildung schwer zu finanzieren.

          Haben die 50 Schüler, die in vier Jahrgängen bei Ihnen unterrichtet werden, realistische Vorstellungen, was sie bei Ihnen erwartet? Welche persönliche Entwicklung durchlaufen sie?

          Nein. Die Aufnahme hier bei uns ist für sie ein Befreiungsmoment. Sie sind ihrem Traum näher gekommen. Das erste Jahr verunsichert. Manche werden plötzlich sehr arbeitswütig, kontrolliert. Andere machen zwar den Unterricht intensiv mit, ziehen sich sonst aber komplett raus. Sie halten sich selbst noch nicht aus. Im zweiten Jahren werden sie bewusster mit sich. Und im dritten Jahre werden die Gespräche auf eine vorher gar nicht zu kalkulierende Weise erwachsen. Diese Verlaufsform muss man ihnen zugestehen.

          Was ist das Besondere an der Otto-Falckenberg-Schule, einer von 13 staatlichen Schauspielschulen in Deutschland?

          Wir geben den Schülern großen Spielraum. Man hat hier viele Freiheiten. Im Einzelunterricht wird sehr exklusiv gearbeitet. Wir haben hier 16 fest angestellte und viele nebenberufliche Dozenten. Andererseits ist der Selbstverantwortungsanteil sehr hoch. Man muss sich selbst souverän machen. Das ist ein kreativer Entwicklungsberuf, das hat ein eigenes Tempo. Begabung kann man nicht lehren. Das ist eher das Prinzip Durchlauferhitzer. Hier kommt jemand anders raus, als er reingegangen ist. Stil muss er oder muss sie sich selbst aneignen.

          Der Schauspielerberuf ist mit großen Unwägbarkeiten verbunden. Wie schätzen Sie die Aussichten Ihrer Absolventen ein?

          Wer bei uns den Abschluss macht, hat auch gute Chancen, später vermittelt zu werden. Von den zwölf Absolventen werden in der Regel neun bis zehn immer vermittelt. Formal ist der Abschluss einem Hochschulabschluss gleichwertig.

          Was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrem Beruf?

          In bestimmten Konstellationen mit Geschichten und Projekten spielerisch etwas zu erzählen, das finde ich nach über 25 Schauspielberufsjahren reizvoll. Das ist schon was Besonderes. Schwierige Produktionsbedingungen kann man ausblenden. Das ist ein Lustberuf. Man darf die Naivität und die Unschuld und die Lust für den Beruf nicht verlieren!

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