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Schadenregulierer : Mit Spürnase das Gold schätzen

Unfall nach Rohrbruch: Wird die Versicherung zahlen? Bild: dpa

Schadenregulierer müssen vom Wasserrohrbruch bis zum Schmuckdiebstahl alles bewerten und sind viel unterwegs. Mit Büroangestellten wollen sie nicht tauschen.

          Brauner Pullover, gebügeltes Hemd, schwarze Jeans. Sein legeres Outfit hat Sebastian Müller bewusst gewählt. Für die Gothaer ist der 29 Jahre alte Versicherungsfachwirt seit zwei Jahren als Schadenregulierer unterwegs. Das bedeutet: viel Kundenkontakt, keine internen Konferenzen, ständig im Auto sitzen. Und er hält sich häufig in Badezimmern und Kellern auf oder kommt mit Handwerkern zusammen. „Wenn ich mit dem Anzug zum Installateur gehe, denkt der sofort: Da kommt der Versicherungsheini, der sein Wissen im Internet gegoogelt hat“, sagt Müller.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Mit gesundem Halbwissen aber käme der Regulierer kaum weiter in seinem Job, der ihn in die Privatwohnungen und Industriebetriebe des Kölner Westens führt. Denn er begutachtet vor Ort, ob eine Schadenschilderung zum Ort des Geschehens passt. Und er gibt Ratschläge, wie die Folgen besser (und günstiger) behoben werden können, als die Installateure in ihrem Kostenvoranschlag empfohlen haben. Oder er muss schätzen, welchen Wert entwendeter Schmuck haben könnte. Passenderweise hatte Müllers Vater eine Baufirma. „Wenn irgendwo Staub und Dreck sind, finde ich das super.“

          Gleichzeitig aber kommt die feingeistige Komponente nicht zu kurz: Denn als Sammler goldener Uhren brachte sein Vater ihm eine weitere nützliche Fähigkeit bei. In internen Seminaren schult Müller inzwischen Kollegen, wie sie den Wert von Schmuck schätzen können. „Mein Standardvortrag dauert in der Kurzfassung drei Stunden. Gelangweilt hat sich noch keiner“, berichtet er. Können die Diebstahlopfer gar nichts über ihre Gegenstände sagen, hilft etwa oft ein kurzer Ausflug in die Ahnenforschung. „Wenn sie ihren Goldring vom Opa geerbt haben und der war Straßenbahnfahrer, weiß ich, dass es 333er Gold sein muss“, erklärt er seinen Kniff. Denn bestimmte Berufsgruppen konnten sich bessere Sorten des Edelmetalls nicht leisten.

          Ab 2500 Euro Schaden

          Es ist halb elf am Morgen. Mit seinem schwarzen Audi-Dienstwagen hat Müller seine ersten beiden Termine hinter sich gebracht. Ein Wasserrohrbruch in Köln-Sülz, einer in Köln-Lindenthal. Einige kurze Notizen schrieb er sich auf. Nun lenkt er seinen Wagen auf die Einfahrt einer Wohnsiedlung in Widdersdorf. Müller klingelt an der Tür und stellt sich der Hausherrin vor. Im Keller habe kürzlich Wasser getropft. Ein Installateur musste erst suchen, bis er die Ursache fand: einen porösen Wasserschlauch der Spülmaschine. Müller sieht sich das Mauerwerk an, spricht kurz mit den Eigentümern und verabschiedet sich rasch wieder.

          „Das war ein Schaden von maximal 500 Euro. Das hätte auch der Innendienst machen können“, ärgert sich Müller. Er muss eigentlich erst losfahren, wenn der Schaden höher als 2500 Euro ausfällt. Alles darunter gilt als Bagatelle, die vom Schreibtisch aus gelöst werden kann. Dafür sind die beiden nächsten Termine ergiebiger - und praktischer: Sie liegen einander direkt gegenüber am Hohenstaufenring in der Innenstadt. Ein Notarsbüro beklagt einen Einbruch. Eine Mitarbeiterin war gerade auf der Toilette, als ihre Wertsachen und ihr Schlüsselbund gestohlen wurden. Leider war auch ihr Büroschlüssel dabei. Daraufhin wurden die Schlösser im sechsten und siebten Stock ausgetauscht - und die Eingangstür im Erdgeschoss. „Mindestens 5000 Euro“, überschlägt Müller. Im Haus gegenüber ist eine Rohrleitung geplatzt. Der Schaden werde im fünfstelligen Euro-Bereich liegen, ahnt er.

          In die Motive der Betrüger hineindenken

          Müller hat zehn Jahre Berufserfahrung gesammelt. Nach seiner Ausbildung wurde er im Innendienst angestellt. Danach arbeitete er vier Jahre als Versicherungsdetektiv. „Es war schön, wenn ich jemanden in den Knast gebracht habe, wenn er es verdient hatte“, sagt er heute. In enger Kooperation mit Polizeibeamten musste er sich in die Motive der mutmaßlichen Betrüger hineindenken. Weil die Fälle selten waren, arbeitete er parallel als Schadenregulierer. Als die Kompetenzen in der Betrugsbekämpfung aber gebündelt wurden, hielt er es nur noch wenige Monate aus. „Ich habe gewechselt, weil ich nur noch mit krummen Typen zu tun hatte.“

          In seinem neuen Amt fühlt sich Müller wohler. An einem Bürotag in der Woche, an dem er seine Berichte anfertigt, hat er genügend Austausch mit der Zentrale. „Wenn ich wüsste, ab nächster Woche muss ich wieder in den Innendienst und acht Stunden im Büro arbeiten, würde ich das nicht packen. Da kurve ich lieber 12 Stunden lang herum“, sagt er. Über mangelnden Austausch kann er sich ohnehin nicht beklagen. Ständig klingelt das Handy, auf dem er mit Freisprechfunktion spricht. „Man muss kommunikativ und bestimmend sein, zum Beispiel klar mit Firmenkunden reden“, hat er über die Jahre festgestellt.

          Von den unhöflichen Neureichen in Marienburg über die zuvorkommenden Altreichen in Hahnwald bis zu den Hartz-IV-Empfängern in Chorweiler kommt er mit den unterschiedlichsten Charakteren des Rheinlands zusammen. Am Nachmittag hat Müller noch zwei Termine in Bonn, danach ist Buchhaltung angesagt. Auf der Autobahn denkt er darüber nach, ob es ein Fehler war, die Einbahnstraße Schadenregulierer zu wählen. Denn aufsteigen kann er damit wohl nicht mehr in seinem Unternehmen - den Oberregulierer gibt es nicht. „Aber wenn ich überlege, dass ich noch 38 Jahre bis zur Rente habe, kann ich mich damit auf jeden Fall anfreunden.“

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