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Rundumversorgung für Mitarbeiter : Von Kinderbetreuung bis Burn-out

  • -Aktualisiert am

Trainieren direkt nach der Arbeit: Der Fitnessbereich des Mitarbeiterzentrums Bild: Wonge Bergmann / F.A.Z.

Mit einem „Mitarbeiterzentrum für Work-Life-Management“ will der Chemiekonzern BASF Maßstäbe setzen. Sozialberatung, Kaffeelounge und ein werkseigener Fitnessclub - geboten wird eine Rundumbetreuung.

          Morgens sechs Uhr, Schichtwechsel, Friedrich Engelhorn gibt seine Kinder in der BASF-Krippe ab und geht zu Fuß ins Werk. Mittagspause, Engelhorn hat einen Termin in der Sozialberatung. Die Leute von der BASF-Stiftung wissen, wo er Hilfe bekommt und wie er die Pflege für seinen bettlägerigen Schwiegervater organisiert. Engelhorn ist blass. Der vom Konzern engagierte Physiotherapeut rät ihm zu Gymnastik und Yoga. Ende der Schicht, Engelhorn nimmt sich den Rat zu Herzen. Er macht einen Abstecher in den werkseigenen Fitnessclub, danach geht er für eine Dreiviertelstunde in die Sauna, es sind ja nur ein paar Meter über den Lichthof im neuen Mitarbeiterzentrum. Während der Stress langsam von ihm abfällt, kümmert sich eine BASF-Mitarbeiterin um die Kinderbetreuung für das Wochenende, schließlich will Engelhorn mit seiner Frau am Samstag nach einem hoffentlich kräftigenden Bad im Weiher der BASF-Badegesellschaft das Konzert von Anne-Sophie-Mutter im BASF-Feierabendhaus besuchen. Alles ist geregelt, dem Unternehmen sei Dank. Die Nacht bricht an, das größte Chemiewerk der Welt surrt. Neonlichter und Schornsteinfackeln tauchen die Fabrik, die niemals ruht, in magisches Licht. Friedrich Engelhorn fährt zufrieden nach Hause. Dort wird er zur Feier des Tages eine Flasche Pfälzer Riesling aus dem BASF-Weinkeller entkorken und eine Kerze entzünden. Dann strahlt seine Werkswohnung in wohligem Glanz.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Friedrich Engelhorn ist schon mehr als 100 Jahre tot. Gemeinsam mit der Brauertochter Marie Brüstling hatte der BASF-Gründer zwölf Kinder, er hätte eine Krippenbetreuung vermutlich zu schätzen gewusst. Und als umtriebiger Unternehmer, Aufsichtsrat, Investor, Teilhaber der Mannheimer Brotfabrik und Oberbefehlshaber der Mannheimer Bürgerwehr hatte der gelernte Goldschmied auch ohne Blackberry und CNN das, was man heute einen verdichteten Arbeitstag nennt. Was er wohl dazu sagen würde, wie sich in seiner „Anilin“ der patriarchale Habitus der Gründertage im Laufe der Zeit zu einer Sozialverantwortung moderner Prägung wandelte? Die Bismarckschen Sozialreformen zur Befriedung der verarmten Arbeiterschicht hat der BASF-Gründer noch erlebt. 1866, ein Jahr nach der Gründung, stellt Engelhorn den ersten Werksarzt an und baut erste Häuser für Arbeiter. Ein paar Jahre später beginnt er mit dem Bau der „Hemshof-Kolonie“: 400 Wohnungen für Arbeiter und ihre Familien. Damals ein Privileg: Jedes der Koloniehäuser ist freistehend, von Gärten umgeben und in vier separate Wohnungen geteilt. Die Häuser für Arbeiter sind anderthalbstöckig: Jede Wohnung hat zwei Stuben, eine Kammer, Küche, zwei Kellerräume und Garten. Die Häuser für Aufseher und Meister sind zweieinhalbstöckig: Jede Wohnung hat drei Stuben, zwei Kammern, Küche, Kellerraum und Garten. 1875 gründet Engelhorn eine Krankenunterstützungskasse, der Konzern zahlte nun auch bei Krankheit.

          Noch heute derselbe Antrieb wie damals

          Die Hilfen aus Gründerzeit mögen heute wie Almosen wirken, um eine schlechtbezahlte und ausgebeutete Arbeiterschaft in einer hochgefährlichen Produktion bei der Stange zu halten. Und doch waren sie der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die moderne Sozialcharta des Konzerns folgt noch heute demselben Antrieb: Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden. An diesem Grundgedanken hat sich wenig geändert. Je enger Arbeits- und Berufswelt miteinander verschmelzen, desto stärker wird der Konzern Teil des Lebens. In diesem Sommer hat BASF ein Programm aufgelegt, um auf eigene Kosten schulschwache Jugendliche aus der Region in einem Jahr auf den Hauptschulabschluss und später eine Lehre bei der BASF vorzubereiten. Und Anfang der Woche eröffnete der Konzern in Laufnähe zum Werk ein „Mitarbeiterzentrum für Work-Life-Management“. Ein 10 000 Quadratmeter großes Projekt, das Maßstäbe setzen soll. Mit 250 Krippenplätzen für unter Dreijährige ist es die größte betriebliche Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Sozialberatung, Kaffeelounge, Therapeuten, Seminarräume, ein werkseigener Fitnessclub für bis zu 2000 Mitglieder - einen „niedrigen zweistelligen“ Millionenbetrag hat sich der Konzern den Komplex kosten lassen. Das Unternehmen wolle helfen, eine Balance zu schaffen in einer Welt, die sich immer schneller drehe, sagte BASF-Vorstandsmitglied Margret Suckale zur Eröffnung und strahlte mit dem Betriebsrat und Vertretern von Stadt und Land um die Wette. In einer sich schnell wandelnden Zeit sei die Mitarbeiterbindung wichtiger denn je, sagt sie. „Langfristig ausgelegte Personalpolitik zahlt sich aus.“

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