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Zukunft in sechs Szenarien : Was wird, wenn die Roboter übernehmen?

Ein Roboter für den Kundenservice von Hitachi. Nur eines von vielen Beispielen dafür, dass Roboter in der Arbeitswelt präsenter werden. Bild: AFP

Willkommen in der digitalen Arbeitswelt! Darf ich vorstellen? Ihr Chef, der Roboter! Was wird aus Deutschland, wenn künftig Roboter und Computer übernehmen? Sechs Szenarien.

          Die nächste technische Revolution ist längst in vollem Gange. Gegen die Rechenleistung von Supercomputern haben die klügsten Menschenhirne keine Chance mehr. Im Schach sind die Machtverhältnisse ja schon länger geklärt. Und gerade hat die Google-Software Alpha-Go die Hoffnungen zerstört, dass im komplexeren Brettspiel Go die Humanoiden noch Vorteile besäßen. Nach fünf Runden musste der koreanische Weltmeister die Überlegenheit des Gegners anerkennen. Dass der Mensch eine Partie zu seinen Gunsten entscheiden konnte, zeigte allenfalls, dass die Software noch nicht perfekt ist. Doch Algorithmen „lernen“ schnell. In einer Welt, in der immer mehr Daten gesammelt werden, entwickelt sich auch die Technik zur Auswertung dieser gigantischen Informationsströme rasant weiter. Vor allem Routinetätigkeiten scheinen dafür wie gemacht.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Nicht nur unter Wissenschaftlern ist die Debatte längst im Gange, wie viele Arbeitsplätze dem technischen Wandel zum Opfer fallen könnten - und welche. Auch die Wirtschaftskapitäne bewegt diese Sorge. Fünf Millionen Stellen würden in den nächsten fünf Jahren in den klassischen Industrieländern wegfallen, lautete die Botschaft des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos. Diese Einschätzung stammte aus einer Umfrage unter 350 Managern. Noch viel schwieriger gestalten sich brauchbare Aussagen darüber, wie viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung zusätzlich entstehen werden. Niemand kann vorhersagen, welche Berufsbilder sich aus dem künftigen Bedarf heraus neu entwickeln werden.

          Dennoch müssen sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft schon heute mit dem Thema auseinandersetzen, um den Rahmen für die Digitalisierung der Arbeitswelt abzustecken. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles lässt dazu gerade ein Weißbuch mit Vorschlägen erarbeiten. In kaum einem anderen Land wird die Diskussion so intensiv geführt wie in Deutschland, wo traditionell starke Branchen wie der Maschinenbau oder die Automobilindustrie das Thema Digitalisierung unter dem Stichwort Industrie 4.0 früh auf die Agenda gesetzt haben.

          Nun hat sich eine Gruppe von zwei Dutzend Technologie- und Arbeitsmarktspezialisten im Auftrag der Stiftung Neue Verantwortung und der Bertelsmann Stiftung darangemacht, verschiedene Szenarien zur Digitalisierung zu entwickeln. Dabei ist keineswegs ausgemacht, in welche Richtung die Reise gehen wird. „Ein Entweder-oder-Denken, wonach die Digitalisierung entweder massenhaft Arbeitsplätze vernichtet oder zum Motor neuer, attraktiver Beschäftigungsverhältnisse wird, kann uns nicht weiterbringen“, sagt Stefan Heumann, Projektverantwortlicher der Studie. „Wenn wir den technologischen Wandel in Deutschland politisch gestalten möchten, müssen wir uns zwischen diesen Extremen mit einer Reihe möglicher Szenarien auseinandersetzen.“ Insgesamt haben die Wissenschaftler sechs Szenarien ausgemacht für eine digitale Arbeitswelt, die wir dokumentieren, weil sie als Grundlage für eine breite Diskussion dienen können:

          1. IT-Ingenieurnation mit Herz

          In diesem Szenario wird die Industrie 4.0 zur neuen Erfolgsgeschichte der alten Ingenieurnation Deutschland. Maschinenbauer und Automobilhersteller haben die digitale Transformation bewältigt, sich gegen Wettbewerber behauptet und sorgen weiterhin für Wachstum. Durch die fortgeschrittene Automatisierung und Vernetzung in der Produktion seien zwar viele Arbeitsplätze verlorengegangen, schreiben die Forscher. Trotzdem sei der Sozialstaat in der Lage, soziale Härten durch die Verknappung von Arbeit mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auszugleichen. Insgesamt also ein recht positiver Ausblick.

          2. Erfolgreicher Datenstandort mit sozialen Konflikten

          Hier hat die Industrie durch die Digitalisierung an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Dagegen sorgt in Deutschland, vor allem in der Banken- und Versicherungswirtschaft, die Verwertung von Daten im Dienstleistungssektor für Wachstum. Datenschutzfragen spielen in der Bevölkerung kaum eine Rolle. Der Umsatz je Mitarbeiter ist hoch, obwohl nur wenige Spezialisten benötigt würden. Hochqualifizierte Wissensarbeiter sind in der datenintensiven Wirtschaft sehr gefragt. Die sozialen Sicherungssysteme werden durch fehlende Arbeitsplätze für Geringqualifizierte und die zunehmende Frühverrentung der Babyboomer jedoch stark belastet. Insgesamt ein gemischter Ausblick.

          3. Rheinischer Kapitalismus 4.0

          In dieser Welt verfügt Deutschland flächendeckend über eine hochmoderne digitale Infrastruktur. Die intensive Vernetzung in Beruf und Alltag wird als Chance gesehen, die mehr Freiheit und Freizeit bringt. Die Arbeitswelt ist vornehmlich über Projekte und Plattformen organisiert. Überall sind neue Geschäftsmodelle und Geschäftszweige entstanden. Der Arbeitsmarkt ist weitgehend liberalisiert. Es existiere nur noch ein Mindestmaß an sozialer Sicherung, obwohl die Wirtschaft dank alter Stärken und neuer Kompetenzen weiterhin wettbewerbsfähig ist. Ein wirtschaftlich guter Ausblick, mit allerdings hohem sozialen Konfliktpotential.

          4. Digitale Hochburgen mit angehängtem Umland

          Deutschland könnte auch einer neuen Teilung entgegengehen - in wirtschaftlich leistungsfähige Städte und ländliche Räume mit nur wenigen Arbeitsplätzen und einer kaum ausgebauten digitalen Infrastruktur. Den Wohnort sehen die Autoren darin als entscheidend für die beruflichen Chancen. Die Wirtschaftsstärke wäre auf Metropolregionen konzentriert, die untereinander am Weltmarkt konkurrierten. Ein Szenario, in dem durch regionale Verwerfung die Schere zwischen Arm und Reich immer größer würde.

          5. Digitale Evolution im föderalen Wettbewerb

          Denkbar wäre auch, dass die Bundesländer mit ihrer Bildungs-, Infrastruktur- und regionalen Wirtschaftspolitik zum entscheidenden Faktor werden. In diesem Fall stünden sie im intensiven Wettbewerb um mobile und hochqualifizierte Freiberufler. Die Autoren sehen Gewinner und Verlierer: Einzelne Bundesländer sind noch stärker abgehängt als heute. Eine Variante, in der das starke Gefälle zwischen Regionen zu sinkender Solidarität führt und Einigungen im Bund erschwert.

          6. Digitales Scheitern

          Wenn weder die Industrie noch Politik und Regulierung mit dem technologischen Wandel Schritt halten, könnten der Fahrzeug- und Maschinenbau international verdrängt und digitale Hoffnungsträger aus dem Dienstleistungssektor von ausländischen Konzernen aufgekauft werden. Eine alternde Gesellschaft entpuppt sich in diesem Szenario als technologie- skeptisch, und es gibt eine Vielzahl von Arbeitssuchenden und jungen Zugewanderten, die aufgrund ihrer Qualifikationen einen wirtschaftlich lähmenden Fachkräftemangel nicht decken können. Hohe Arbeitslosigkeit paart sich mit einem niedrigen Lohnniveau und führt zu einer hohen Belastung des Sozialsstaates.

          Mehr zum Thema Digitalisierung der Arbeitswelt: faz.net/smartearbeit

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