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Richtig Pause machen : Tragen Sie „Nichtstun“ in den Kalender ein

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Nicht ratsam: Pause machen vor dem Bildschirm Bild: Picture-Alliance

Kaffee und Brötchen vor dem Bildschirm, Smartphone nach Feierabend: Viele Arbeitnehmer haben verlernt, richtig Pause zu machen. Warum das so gefährlich ist und wie es besser geht, erklärt die Psychologin Iris Hauth im Interview.

          Frau Hauth, im Arbeitsleben stehen wir ständig unter Strom. Machen wir noch genug Pausen?

          Nein. In der Arbeitswelt haben Leistungsdruck, Zeitdruck und Multitasking in den letzten Jahren weiter zugenommen. Vor allem durch die ständige Erreichbarkeit über Handy und E-Mail können viele Arbeitnehmer buchstäblich nicht mehr abschalten. Das Gehirn braucht aber Zeiten der Ruhe.

          Sonst?

          Bekommen wir psychische Probleme. Ein erstes Warnzeichen ist oft das Gefühl, schon am Montagmorgen gestresst aus dem Wochenende wiederzukommen. Wenn sich das Gehirn nicht ausruhen kann, bekommen viele Menschen mittelfristig Schlaf- oder Konzentrationsstörungen. Im Extremfall drohen Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen. Auch das Abschalten mit Hilfe von Alkohol ist eine riskante Angewohnheit.

          Iris Hauth ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

          Was passiert genau in unseren Köpfen, wenn wir keine Pausen machen?

          Bei konzentrierter Arbeit sind bestimmte Hirnregionen stark aktiv, andere gegebenenfalls heruntergeregelt. Mit Phasen der Entspannung gleichen sich die Aktivitäten aus, das Gehirn schaltet quasi in einen Stand-by-Modus. Und natürlich ist auch ausreichend Schlaf notwendig. Bekommt das Gehirn über längere Zeit eine Mindestdosis an Schlaf und Ruhe nicht, besteht ein großes Risiko, Krankheitssymptome zu entwickeln.

          Auch für den Körper?

          Auf jeden Fall. In Zeiten der Anspannung steigen Herzschlag und Blutdruck. Das ist vorübergehend okay und oft auch nötig, wenn wir Höchstleistung bringen wollen. Wichtig ist aber, das auch wieder herunterzubringen. Sonst stehen wir buchstäblich ständig unter Strom. Und werden auf Dauer krank.

          Richtig runterkommen - wie geht das?

          Das sind ganz simple Rezepte: In der Pause weggehen vom Arbeitsplatz. Nicht das Brötchen vor dem Bildschirm essen. Spazieren gehen, kurz im Sessel ausruhen, vielleicht autogenes Training machen. Oder soziale Kontakte mit Kollegen pflegen. Ideal ist es dann, in der Kantine nicht unbedingt über die Arbeit zu reden. Obwohl auch das in manchen Fälle der Psychohygiene dienen kann - nämlich wenn man sich so richtig geärgert hat. Dann hilft es, verbal Dampf abzulassen.

          Aber in Zeiten des Smartphones ist es mit Pausen während des Arbeitstages ja wohl kaum getan. Die Arbeit geht doch auch nach Feierabend noch weiter.

          Das ist für viele Arbeitnehmer leider Realität. Nicht nur wegen der Smartphones. Nach der Arbeit warten ja oft der Haushalt und die familiären Pflichten. Es kann helfen, sich eine Art Stundenplan für die Freizeit zu machen. Wer bewusst Phasen zum Abschalten einplant, tut sich oft leichter, sie auch einzuhalten.

          Gibt es Menschen, denen das besonders schwerfällt?

          Die gibt es durchaus. Das sind die stark leistungsorientierten Arbeitnehmer. Früher waren das oft Menschen in helfenden Berufen, Ärzte zum Beispiel, die ihre Patienten und deren Leid nach Feierabend mit nach Hause nahmen. Mittlerweile zieht sich so ein Verhalten aber durch fast alle Berufsgruppen und Hierarchieebenen. Besonders betroffen sind Menschen, die sich stark oder ausschließlich über den Beruf definieren.

          Was sollten Arbeitnehmer tun, denen das Pausemachen schwerfällt?

          Ich plädiere für ein bewusstes Nichtstun. Das haben leistungsorientierte Menschen oft völlig verlernt. Einfach mal sitzen, vor sich hin schauen. Wer das gar nicht kann, macht vielleicht Yoga oder geht laufen. Egal was man tut - wichtig ist vor allem, die Freizeit nicht wiederum arbeitsähnlich durchzutakten. Sich Muße zu gönnen. Worin auch immer die besteht.

          Ich soll mir einen Stundenplan machen und dann „Muße“ dort eintragen?

          Wenn Sie so wollen, ja. Nehmen Sie sich den Kalender und tragen Sie „Nichtstun“ ein.

          Bestimmt gibt es viele Menschen, die das gar nicht können. Wer hilft denn dabei, das Abschalten zu lernen?

          Da sind auch Vorgesetzte und Betriebsärzte gefragt. Die müssen mit darauf achten, ob jemand dazu neigt, sich gar keine Ruhezeiten mehr zu gönnen. Betriebsärzte sollten nach eventuellen Konzentrations- und Schlafstörungen und nach dem Stressempfinden der Mitarbeiter fragen. Und Mitarbeiter sollten solche Warnzeichen mit dem Betriebsarzt besprechen. Der hat schließlich Schweigepflicht. Und kann im Zweifel auch Hilfe vermitteln.

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