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Raus aus der Selbständigkeit : Zurück an die kurze Leine

  • -Aktualisiert am

Sicherer Hafen: Mancher Selbständige will lieber angestellt sein. Bild: Getty

Mehr Sicherheit, weniger Papierkram: Es gibt viele Gründe für Selbständige, ihre Freiheiten aufzugeben und wieder als Angestellte zu arbeiten. Kann das gutgehen?

          Der Sprung war für Daniel Backhaus „relativ einfach“. Fünf Jahre hatte der Fachmann für digitale Kommunikation seinen Kunden als selbständiger Ein-Mann-Berater geholfen. Dann entschied sich der heute 50-Jährige vor eineinhalb Jahren für eine Feststellung bei der Kölner Agentur Convidera. Der verheiratete Vater zweier Kinder sagt: „Ich werde nicht jünger, da war die Sicherheit ein Haupttreiber für mich.“ Diese Motivation nannte er auch bei der Bewerbung auf seine heutige Position, die ihm als „Head of Communications“ viel Führungsverantwortung eintrug. Die Akzeptanz für diese Motivation sei groß gewesen, sagt Backhaus, auch wenn er Vorbehalte gegen ihn als bis dahin selbständigen Fachmann habe spüren können. „Mein Arbeitgeber und ich haben den Wechsel als Experiment gesehen – und nach vier, fünf Wochen war ich bereits gut angekommen“, sagt Backhaus.

          Ein Karriereschritt wie der von Daniel Backhaus ist weiterhin eher ungewöhnlich. „Wechsel von Selbständigkeit in Festanstellung ereignen sich noch recht selten – was natürlich auch daran liegt, dass Unternehmen ihre Fixkosten eher senken wollen“, beobachtet Thorsten Krings, Professor für Personal und Führung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Also sind sie eher motiviert, Festanstellungen zu vermeiden. Es gibt eine klare Grenze, die aber vor allem in den Köpfen besteht. Gängige Vorurteile: Unternehmen setzen auf Menschen mit Konzernsozialisation, selbständige Unternehmer machen ihr eigenes Ding und verdienen viel Geld. Wie der Austausch wirklich läuft, ob es für Freiberufler ein Leichtes ist, ausgeschriebene Stellen zu besetzen – und ob Unternehmen das überhaupt wünschen – dazu gibt es nicht viele Informationen.

          Die Mobilität unserer Arbeitswelt von freien in feste Tätigkeiten ist kaum erforscht. „Die Frage nach den Wechselchancen von Selbständigen in abhängige Beschäftigung ist von erheblicher Arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischer Relevanz“, sagt Bernd Frick, Personalökonom an der Universität Paderborn. Aber: „Für diese Richtung des Wechsels finden Sie keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen.“ Beliebig viel Material gebe es hingegen zum „Sich-Selbständigmachen“. Klar sei: Viele Menschen machen sich aus der Not selbständig. Zudem nehme der Arbeitsmarkt gescheiterte Selbständige häufig wieder in Festanstellung auf. Doch gerade zur Durchlässigkeit für erfolgreiche Selbständige könne die Wissenschaft nicht viel sagen, dazu fehle es an Daten.

          Arbeitsweisen und Ansprüche unterscheiden sich oft gewaltig

          Auch bei der Bundesagentur für Arbeit gibt es nur wenige Informationen zu diesem Thema. „Die Motivation zur Aufnahme oder Aufgabe einer Selbständigkeit korrespondiert aber mit den Konjunkturzyklen“, sagt ein Sprecher. So zeigte sich bei Selbständigen, die zugleich soziale Sicherung beziehen, in den vergangenen Jahren ein klarer Rückgang. Zwischen 2011 und 2017 sank die Zahl von 118 446 auf 92 998. „Da der Arbeitsmarkt in wirtschaftlichen Hochphasen aufnahmefähig ist, wird ein Wechsel in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung häufiger erwogen.“

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