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Ratgeber-Literatur : Oh nein, wie peinlich!

Die Säge schärfen, Synergien schaffen: Alles gut gemeinte Karriere-Ratschläge. Bild: Helmut Fricke

Ratgeber-Literatur kommt zuweilen daher wie eine Sammlung von Kalenderweisheiten. Was sie trotzdem für die Karriere bringen kann.

          Irgendwie unangenehm fühlt sich das an, mit einem Buch in der Bahn zu sitzen, das ein persönliches Defizit offenbart. Der Ratgeber „Die 7 Wege zur Effektivität“ von Stephen R. Covey ist so ein Buch. Es zeigt: Anscheinend hat der Leser Schwierigkeiten, und dazu noch glaubt er ernsthaft, dass ein paar Tipps ihn aus seiner Situation retten können. Unter den vermeintlichen Blicken der anderen Fahrgäste beschleicht ihn unweigerlich das Gefühl, ein Schild vor sich her zu tragen, auf dem in großen Lettern steht: „Ich habe ein Problem, bitte helfen Sie mir!“ Ganz bestimmt rümpfen sie die Nase über den scheinbar Verzweifelten. „So etwas“, denken sie dabei, „lese ich nicht.“

          Ratgeber machen 14 Prozent vom Umsatz aus

          Trotzdem gibt es einen Markt für „so etwas“. In den vergangenen beiden Jahren hatten Ratgeber einen Anteil von rund 14 Prozent am Umsatz des deutschen Buchhandels, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mitteilt. 2017 entfielen davon rund 19 Prozent auf Bücher zur Lebenshilfe und nur rund 3 Prozent auf die Themen Recht, Beruf und Finanzen. „Die 7 Wege zur Effektivität“ sind ein Bestseller, der beides verbindet. In nahezu jede Sprache übersetzt, wurde er 30 Millionen Mal verkauft. Allein in Deutschland erlebte er 52 Auflagen. Bill Clinton hat ihn zweimal gelesen und sich nach Angaben des Gabal-Verlags, der das Buch hierzulande herausgibt, persönlich von Covey beraten lassen. In diesem Jahr wird der Klassiker 30 Jahre alt.

          Empirische Forschung widerlegt Covey nicht

          Ein Anruf bei Annette Kluge, Professorin für Organisations- und Arbeitspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. „Peinlich“, sagt die Psychologin, „ist prinzipiell überhaupt nichts.“ Das gelte für Beratungsliteratur ebenso wie für andere Dinge des Lebens. „Es ist auch nicht peinlich, zu einem Konzert von Helene Fischer zu gehen“, sagt sie – und fügt hinzu, dass sie solche Konzerte natürlich nicht besucht. Aber sie liest Ratgeber. „Es ist schade, dass Wissenschaftler manchmal despektierlich über diese Literatur sprechen“, sagt die Professorin. Schließlich erreichten Autoren wie Covey ein Millionenpublikum in einer Sprache, die jeder verstehe. Als „Standardwerk“ gelte der Bestseller aus Amerika in ihrem Fach aber nicht. Schließlich bediene er sich keiner wissenschaftlichen Argumentations- und Beweisführung. Doch Kluge geht davon aus, dass empirische Forschung Coveys Thesen auch nicht unbedingt widerlegte.

          Rezepte, Lehrsätze und Anekdoten

          Covey unterscheidet sieben Wege zum Erfolg. Die ersten drei gelten dem Privatleben, die Wege vier, fünf und sechs dem beruflichen und öffentlichen Wirken; der siebte Weg umfasst beides. Die Handlungsanweisungen wirken wie Kalendersprüche: Der erfolgreiche Mensch soll proaktiv sein, am Anfang das Ende im Sinn haben und das Wichtigste zuerst tun. Im Beruf soll er vom „Win-win-Gedanken“ ausgehen, „erst verstehen, dann verstanden werden“ und Synergien schaffen. Zu guter Letzt soll er „die Säge schärfen“, also ausruhen und Inspiration suchen.

          Die sieben Wege sind nicht besonders originell. Vermutlich hatte Covey den Erfolg vornehmlich, weil er sie besser als andere vermitteln konnte: mit Rezepten, Lehrsätzen und vielen Anekdoten. Hier ein Erlebnis mit einem Konzernchef und seiner Belegschaft, dort eine Geschichte aus seinem Familienleben als Vater, hin und wieder eine Allegorie. So arbeiten erfolgreiche Ratgeber häufiger. Den Leser nebenher zu unterhalten ist ein Teil des Ganzen.

          Zum Beispiel so: Eine Geschichte, die Coveys Buch wie ein Leitmotiv durchzieht, handelt von einem Bauern, der im Nest seiner Lieblingsgans ein goldenes Ei findet. Erst will er es wegwerfen, doch dann erkennt er den Wert. Am nächsten Morgen legt die Gans wieder ein goldenes Ei. So geht es Tag um Tag. Er wird sehr reich, aber auch gierig und ungeduldig. Bald kann er nicht mehr schlafen, weil er auf das nächste goldene Ei wartet. Als er es nicht mehr aushält, schlachtet er die Gans, schneidet sie auf, um alle goldenen Eier auf einmal zu bergen und findet – nichts. Die Moral: Die meisten Menschen glauben laut Covey, nur dann effektiv zu sein, wenn sie viel produzieren und leisten. Aber wahre Effektivität beruhe auf zwei Dingen: aus dem Produkt und dem Produzenten; und wenn der Produzent am Ende ist, war es das mit der Produktivität.

          Das Ende im Sinn

          Kluge kann den einfachen Botschaften etwas abgewinnen. „Die Binsenweisheiten sind hilfreich als Metaphern, weil viele über bestimmte Fragen sonst nicht nachdenken würden“, sagt sie. Doch der entscheidende Punkt sei, dass Covey einen Schritt zurücktritt und fragt: Warum muss eine Person überhaupt effektiv sein? Er fordert den Leser auf, sich die eigene Beerdigung vorzustellen. Der zweite Weg (am Anfang das Ende im Sinn haben) zielt also nicht nur auf einzelne Projekte ab. Das ist zugegebenermaßen ein simpler Gedanke; peinlich ist er nicht.

          Peinlicher sind da Autoren, die sich als Heilsbringer inszenieren. Wenn Motivations-Guru Anthony Robbins, den Clinton auch getroffen haben soll, in „Das Robbins Power Prinzip“ berichtet, wie er mit dem Hubschrauber über das Gebäude fliegt, in dem er einst Pförtner war, kann durchaus Lese-Scham aufkommen. Selbst dann, wenn keiner zusieht.

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