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Rabenmütter!? : Unsere Kita hieß Papa

Findet seine Mutter „richtig cool”: BWL-Student Moritz Stachelhaus Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Die Unicef-Deutschlandchefin Regine Stachelhaus überließ die Betreuung ihres Sohnes ihrem Mann - während sie Karriere machte. Den Nachbarn im Dorf gefiel das gar nicht, ihrem Vorgesetzten noch weniger. Aber es hat funktioniert.

          Einmal hatte ich nachts einen richtigen Albtraum“, erzählt Regine Stachelhaus. „Ich kam in mein Büro und der Chef hatte alles weggeräumt.“ Sie träumte, dass ihr Schreibtisch verschwunden war, alle Regale, alle Bücher. Sie träumte, dass der Chef sagte, sie werde doch sowieso nicht mehr wiederkommen und er habe schon einmal alles sauber gemacht. Dann wachte sie auf, nassgeschwitzt, und sie wusste: „Genau das will ich nicht.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Regine Stachelhaus, 54 Jahre alt und Leiterin der deutschen Sparte des Kinderhilfswerks Unicef, spricht von längst vergangenen Zeiten. Von vor 23 Jahren, als sie im Computerkonzern Hewlett Packard Deutschland arbeitete. Damals wurde sie schwanger und nahm sich vor, schon kurz nach der Geburt in den Beruf zurückzukehren. Ihrem entgeisterten Chef fiel zu diesem Plan nur eines ein: „So ein Mist.“ Doch aus dem „Mist“ wurde schnell Realität. Vier Monate nach der Geburt stand Regine Stachelhaus wieder bei Hewlett Packard auf der Matte. Alle paar Stunden kam ihr Ehemann mit Sohn Moritz in der Firma vorbei. Dann verzog sich die Managerin in einen leeren Konferenzraum - zum Stillen. „Es war eine kleine Revolution“, erinnert sie sich, „aber mir war das egal.“

          Der Stein des Anstoßes war simpel. „Eine Mutter gehört zu ihrem Kind, rund um die Uhr, 24 Stunden lang, hieß es damals, vor allem, wenn das Kind noch so klein ist“, erzählt Stachelhaus. Die Kollegen tuschelten, die Chefs äußerten offen ihre Missbilligung, sogar der Hausarzt, der Frisör und etliche weitere Leute aus dem Dorf ließen sich zu abfälligen Kommentaren hinreißen. „Aus dem Jungen kann nichts werden“, sagten sie, oder: „Der gerät später mal auf die schiefe Bahn.“ Dabei hatte Regine Stachelhaus ihren Moritz noch nicht einmal in fremde Hände gegeben. „Kitas für so kleine Kinder gab es nicht, jedenfalls nicht in unserer Gegend, und eine Kinderfrau war uns zu teuer“, erzählt sie. Also kam sie schnell auf eine Lösung, die ihr das Natürlichste von der Welt schien: Sie vertraute ihren Sohn ihrem Ehemann an. „Unsere Kita hieß ganz einfach Papa.“

          „Ich wurde komisch angeschaut“

          Papa Stachelhaus war zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes noch mitten im Maschinenbaustudium. Zwischendurch füttern, wickeln und spazieren gehen - das habe gut in seinen Zeitplan gepasst, erzählt er heute. „Das hat sich einfach so ergeben, als Moritz auf die Welt kam. Einer von uns musste ja zu Hause bleiben. Dass ich das machte, war auch eine wirtschaftliche Entscheidung.“ Wollte er selbst denn nie Karriere machen? „Im Studium habe ich davon geträumt, Ingenieur im Fahrzeugbau zu werden“, erzählt er. Dann aber habe er die Kinderbetreuung schnell so lieb gewonnen, dass alles andere völlig in den Hintergrund trat. „Ich hab so viel davon mitgekriegt, wie Moritz groß geworden ist“, erinnert sich Stachelhaus. „Diese Chance haben die meisten Väter gar nicht.“ Der Nachteil: „Ich wurde komisch angeschaut, wenn ich den Kinderwagen durch den Ort schob“, erzählt er. „Das war damals noch völlig ungewöhnlich, dass ein Mann das macht.“ Die Leute hätten sich umgedreht und halblaut hinter seinem Rücken über ihn hergezogen. „Der schafft nix“, hieß das damals im Schwäbischen, sagt Stachelhaus. „Aber ich ließ das an mir abprallen.“

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