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Quotendebatte : Deutschland sucht die Superfrau

  • -Aktualisiert am

Vorzeigechefin: Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung des Maschinenbauers Trumpf Bild: Wohlfahrt, Rainer

Wo sind die Heldinnen der Wirtschaft? Die strahlendste Chefin kommt aus dem Maschinenbau und liebt Thomas Mann. Eine unschlagbare Mischung.

          Als sich neulich die angeblich wichtigsten 100 Frauen der deutschen Wirtschaft im Kanzleramt zum Foto stellen, fehlt die wichtigste, die Frau mit dem größten Einfluss in der Industrie: Nicola Leibinger-Kammüller, Stolz des deutschen Mittelstandes, die darüber hinaus stolze Großkonzerne kontrolliert: Siemens, Lufthansa, Springer.

          Das schwäbische Unternehmen steht für Hochtechnologie aus dem deutschen Mittelstand
          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hätte der Tag mehr Stunden, hätten in ihrem Leben noch ein paar Mandate Platz. An Talent, Ehrgeiz oder Disziplin mangelt es der Frau nicht. An der Nachfrage auch nicht, die ist immens: Fähige Frauen sind gesucht. Das Land dürstet nach Heldinnen in der Wirtschaft. Und Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Maschinenbauers Trumpf, ist der Star im weiblichen Teil des deutschen Unternehmertums.

          Schwäbisch, stufenfrei dosiert

          Zu ihr pilgern Kanzler und Könige, wenn sie eine Vorzeigefirma suchen: ein Champion des Weltmarktes, der nicht mit Bangladesch-Löhnen antritt, sondern mit technologischer Eleganz gewinnt. Neulich war deshalb der holländische Monarch da, ein „netter Kerl“, wie die Hausherrin sagt. Ihren schwäbischen Akzent vermag sie stufenfrei zu dosieren. Dies gehört ebenso zur Masche wie der kokette Hinweis, ihr politischer Einfluss werde überschätzt. Die Unternehmerin muss nicht prahlen mit ihrem Zugang zur Macht, sie hat ihn. Das hat sich herumgesprochen unter den Hoffnungsträgern der Union. Besser, man hat Nicola Leibinger-Kammüller auf seiner Seite.

          Ein Rasen wie in Wimbledon

          Jemand wie sie hat es nicht nötig, im Pulk zu Fototerminen ins Kanzleramt zu fahren, quasi zum Wettbewerb „Deutschland sucht die Superfrau“. Zumal sie dort hätte der Kanzlerin widersprechen müssen. Das kommt selten vor, im Grunde nie. In der Frauenfrage schon. „Die Quote ist beschlossen, die Quote kommt“, hat Angela Merkel vor den weiblichen Führungskräften bekräftigt. Leibinger-Kammüller, CDU-Mitglied seit jungen Tagen, bewundert die Bundeskanzlerin für ihre Regierungskünste („eine gescheite Frau“) - an dem Punkt aber kämpft sie im anderen Lager, und zwar vehement. Die Quote diskriminiert aus ihrer Sicht Frauen, die es aus eigener Kraft geschafft haben. „Wer will schon Quotilde sein?“, spottet die Trumpf-Chefin. Und stellt sich gegen die offizielle Regierungslinie, als Verbündete ausgerechnet von Betriebsrats-Chefs quer durch die Großkonzerne im Dax, die im Moment eifrig Briefe nach Berlin schreiben, um die 30-Prozent-Quote für Aufsichtsräte noch abzuwenden. Durch eine starre Quote würden die Mitarbeiter nicht angemessen repräsentiert, argumentiert etwa Michael Brecht, der von den Arbeitnehmern gestellte stellvertretende Aufsichtsratschef von Daimler. Die Fabriken sind eben nicht zu 30 Prozent weiblich - nicht im Automobilbau, nicht in der Chemie, auch nicht im Maschinenbau der Leibingers.

          Es fehlen Ingenieurinnen - basta!

          Wohl wahr, mit der Gender- und Gedöns-Fraktion kann die Unternehmerin aus Schwaben nichts anfangen. Männerbünde, die Frauen an gläsernen Decken die Köpfe einschlagen lassen? Alles grober Unfug: „Männer können scheitern, Frauen können scheitern - und am schlimmsten ist es, wenn Frauen wie Männer werden und deshalb scheitern.“ Auch in ihrer eigenen Firma prämiert sie Abteilungsleiter, wenn die Frauen nach oben ziehen, nur hapert es am weiblichen Nachwuchs unter Ingenieuren. Da helfe keine Quote, sagt sie an diesem strahlenden Oktobertag, an dem sie an der Präsentation ihrer Bilanz feilt. Mal wieder hat der Weltmarktführer der Lasertechnik Rekorde zu vermelden.

          Die Geste für höhere Aufgaben sitzt schon

          Konjunktureinbruch, Abschwung, Krise? Nicht in Ditzingen. Nicht mit ihr. „Es ist wichtig für die Firma, Erfolg zu haben, schön ist es außerdem“, sagt die Frau, die das wohl hübscheste Fabrikgelände des deutschen Maschinenbaus regiert: ausgewählte Architektur (von der Schwester erdacht), Grünflächen auf Wimbledon-Niveau und auch der Rest so was von akkurat.

          Bei Leibingers wird nicht gechillt

          Leibingers dulden keinen Schlendrian. Leibingers sind Schwaben, pietistische Schwaben. Rumgammeln, chillen, abhängen - all das hat in dieser Welt nichts zu suchen. Wem der Sinn nach Muße steht, dem empfiehlt die Chefin Lyrik: „Ein Gedicht zu lesen dauert fünf Minuten.“ Will sagen: Und hinterher flott ans Werk.

          Wem vom Schöpfer Talente gegeben sind, der hat mit seinen Pfunden zu wuchern. Alles andere ist eine Sünde. Ihr protestantischer Glaube ist insofern keine Privatsache, als er zum Markenkern der Familie Leibinger gehört, der sonntägliche Kirchgang, die Morgenlosung für die Kinder wie auch die Verehrung für Bach und Schiller.

          Von Showterminen in Berlin hält sich die Managerin aber lieber fern

          Denn: Es braucht mehr als zweistellige Renditen, um den gesellschaftlichen Rang einer Nicola Leibinger-Kammüller zu erlangen, die Zahlen allein geben das nicht her: Trumpf ist zwar ein überragend erfolgreicher Global Player, aber einer von der kleineren Sorte; 11.000 Angestellte, 2,6 Milliarden Euro Umsatz. Da haben Schwergewichte wie VW oder Daimler ein Vielfaches zu bieten, trotzdem hat es die zierliche Frau Leibinger-Kammüller im Zweifel leichter, gehört zu werden, als die großen Jungs aus den Dax-Vorständen: „Uns Familienunternehmern glaubt man mehr, wir haben ein höheres Ansehen.“

          Dahinter wird die Luft dünn

          Nur, der tüchtigen Familien gibt es viele, auch etliche Töchter, die Firmen leiten, was also hebt sie heraus? Erst mal: Ganz oben ist die weibliche Konkurrenz noch immer überschaubar. Auch wenn Frauen im Management den Zeitgeist im Rücken spüren, Headhunter bereits darüber klagen, dass im Wettstreit „Qualität oder Geschlecht“ im Zweifel die Frau genommen wird - so viele Frauen sind es nicht, die sich Chefposten erkämpft haben, eine Handvoll ansatzweise prominenter Aufsichtsrätinnen kontrolliert Großkonzerne.

          Einer der Stars ist die Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner, die sich öffentlich sehr zurückhält, seit ihr Mann Paul Achleitner als Aufsichtratschef die Deutsche Bank steuert und die „Powerpaar“-Geschichten in den Zeitungen überhandnahmen. Dann ist da Allensbach-Chefin Renate Köcher, ebenso mit klangvollen Mandaten betraut, sowie aus der Reihe der alten vermögenden Familien Simone Bagel-Trah, das smarte Oberhaupt des Henkel-Clans mit erkennbar geringer Neigung, das öffentliche Leben aufzumischen.

          Wichtig, nicht wichtigtuerisch

          Leibinger-Kammüller dagegen hat Spaß an gesellschaftlichen Debatten. „Die SPD hat ihre Party gehabt, jetzt ist die CDU am Zug“, fordert sie etwa die Regierung zum wirtschaftspolitischen Kurswechsel auf. Sie genießt es, wichtige (nicht zu verwechseln mit wichtigtuerischen) Leute zu treffen. Und ja, sie gibt sogar zu: „Vielleicht spielt auch Eitelkeit eine Rolle.“ Damit offenbart sich der nächste Grund für ihre unangreifbare Position: Sie unterläuft jeden Vorwurf mit Selbstironie. Die Frau weiß, was sie tut, in jedem Moment. „Es wäre ungeschickt, meinen Charme nicht einzusetzen.“

          Ihr Wort findet in Wirtschaft und Politik dennoch Gehör

          Wenn ihr Bild allzu perfekt gerät, dann ist da noch immer diese „Fünf“ in Mathe, damals in der 9. Klasse: Statt zum Segeln an den Bodensee steckte der Vater sie daraufhin übers Wochenende ins Kloster zur Nachhilfe. Vom Vater Berthold Leibinger, einem der ganz Großen unter Deutschlands Unternehmern, hat sie sich in der Rolle als Chefin längst emanzipiert, ohne sich zu distanzieren.

          Vorgeführte Männer sind verzückt

          Nur die Verbindungstür zwischen ihren beiden Büros ist zugemauert, der Senior muss jetzt erst über den Flur, ehe er ihr Rat geben kann. Was nichts daran ändert, dass die Tochter auch mit Anfang 50 noch den koketten Kleine-Mädchen-Blick draufhat. Ihren Auftritt als Gaststar auf dem Bankentag etwa beginnt sie damit, was der Papa ihr einst aufgetragen hat: „Mädle, halte dich von Banken fern.“ Großes Gelächter. Selten wurde Bankerbashing leichtfüßiger vorgetragen.

          Die vorgeführten Männer sind Monate später noch verzückt, wie Milliardärin Leibinger-Kammüller ihnen erklärt hat, warum sie, die kleine Mittelständlerin, die Sache selbst in die Hand nimmt und eine eigene Bank gegründet hat: um Kunden Geld zu leihen, damit die sich Trumpf-Maschinen kaufen können. Außerdem zum Wohle der Mitarbeiter, vom Januar an dürfen die ihr Erspartes der Chefin anvertrauen: Zinsen gibt’s dafür auch, ein bisschen mehr als in der örtlichen Sparkasse, aber nichts extra obendrauf: „Wir haben kein Geld zu verschenken.“

          Nie haben die Leibingers behauptet, ein Sozialwerk zu leiten: „Wir sind ein Hochleistungsunternehmen.“ Ein Hightechbetrieb, an dessen Spitze keiner dieser Dutzendtypen sitzt, sondern eine promovierte Literaturwissenschaftlerin, die nur deshalb nicht für Talkshows taugt, weil sie sich nach der letzten ihrer vier Schwangerschaften (vor 17 Jahren schon) das Fernsehen abgewöhnt hat. Manager-Literatur verabscheut die Frau ebenfalls („Wie grässlich“), dafür hat sie mehr als 20 Mal die Buddenbrooks gelesen. Auch das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal unter Managern.

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