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Quereinsteiger : Karriere auf Umwegen

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Quereinsteiger kommen oft ans Ziel Bild: Fotolia

Ein Ingenieur arbeitet als Immobilienberater, eine Geisteswissenschaftlerin für eine Bank - solche Sprünge im Werdegang sind kein Karrierehindernis. Unternehmen schätzen Quereinsteiger, weil sie anders an Aufgaben herangehen.

          Ingrid Hentzschel war 29 Jahre alt, als sie noch mal ganz von vorne anfangen musste: Die Akademie für Gesellschaftswissenschaft in der DDR, für die sie bis dahin gearbeitet hatte, gab es 1990 plötzlich nicht mehr, genauso wenig wie den Staat, in dem sie bis dahin gelebt hatte. Ihre Chancen standen denkbar schlecht: Hentzschel hatte Koreanisch und Geschichte studiert und eine wissenschaftliche Karriere in der DDR hinter sich - nicht gerade ein Sprungbrett auf den westdeutschen Arbeitsmarkt. Doch Hentzschel ist eine Kämpfernatur: "Zum Nachdenken war damals keine Zeit, ich wollte einfach nur so schnell wie möglich rein in die Arbeit. Ohne Arbeit zu sein, das konnte ich mir nicht vorstellen", sagt die heute 46 Jahre alte Frau. Allein mit einer drei Jahre alten Tochter zog sie von Berlin nach Düsseldorf, nahm eine Stelle in einer Exportgesellschaft an. Sie arbeitete sich hoch, wechselte erst zur West LB und später zur NRW-Bank.

          Heute hat Hentzschel es geschafft: Sie leitet das Beratungszentrum Ausland der NRW-Bank, das sie selbst aufgebaut hat - dabei hatte sie vom Finanz- und Beratungsgeschäft am Anfang ihrer Karriere keine Ahnung. Darauf hatte sie ihr Studium ganz und gar nicht vorbereitet. Doch Hentzschel merkte schnell: Es muss kein Nachteil sein, aus einem fremden Fachgebiet in die Finanzbranche zu wechseln, im Gegenteil: "Ich bin bei Bewerbungsgesprächen immer offensiv mit meinem Studium umgegangen", sagt sie. Und überzeugte so ihre neuen Chefs: "Wir brauchen Leute, die ein Verständnis für viele verschiedene Themen mitbringen, deswegen stellen wir gerne auch Bewerber an, die nicht aus der bankfachlichen Richtung kommen", sagt Nils Dorenbeck, Sprecher der NRW-Bank.

          Der Fachkräftemangel vergrößtert die Chancen

          Viele Unternehmen wollen ihren Horizont erweitern und stellen Quereinsteiger ganz bewusst ein: "Oft tragen Quereinsteiger spannende Sichtweisen und Erfahrungen in das Unternehmen hinein und schaffen einen Mehrwert durch besondere Auslandserfahrungen und exotische Sprachkenntnisse, die der Schlüssel für die Erschließung neuer Absatzmärkte oder Produktionsstandorte sein können", sagt Personalberater Tiemo Kracht von Kienbaum (Lesen Sie dazu auch das Interview mit Tiemo Kracht). Hinzu kommt der zunehmende Mangel an Fachkräften, der die Chancen von Quereinsteigern auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Dienstleister verzeichnen nach einer Studie des Institutes der deutschen Wirtschaft Köln den höchsten Zuwachs an Akademikern.

          Von der Öffnung der Unternehmen für fachfremde Einsteiger profitieren vor allem die Studiengänge, denen tendenziell nachgesagt wird, schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben: So waren laut der Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Jahr 2005 von 572.571 Akademikern in der Berufsgruppe der Unternehmensleiter, -berater und -prüfer insgesamt 9,8 Prozent Absolventen der Sprach-, Kunst-, Sport- und Erziehungswissenschaften. "Dass diese Gruppe der Absolventen schwer zu integrieren sei, das lässt sich nun wirklich nicht mehr sagen", sagt Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft. Entscheidend ist vielmehr, wie flexibel die Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt reagieren. Und gerade da punkten laut der Studie die vermeintlich in die Arbeitslosigkeit mündenden Studiengänge.

          Mehrwöchige Intensivtrainings vermitteln Basiswissen

          Im Gegensatz zu Fachkräften sind die Karrieren von Quereinsteigern nicht vorhersehbar und ihre Lebensläufe bunter. Davon können die Unternehmen profitieren: Mit ihrer Offenheit für Neues erschließen Quereinsteiger den Unternehmen neue Aufgabenfelder. Personalberater Kracht ist sich sicher: "Quereinsteiger bleiben auch über längere berufliche Entwicklungsphasen Quereinsteiger, das heißt, ihr Werdegang ist nicht nur durch ein facettenreiches Aufgabenspektrum geprägt, sondern auch durch Branchen- und Standortwechsel. Der Weg ist hier häufig das Ziel." Es sind ihre Persönlichkeiten, wegen der die Arbeitgeber Quereinsteiger einstellen. "Diese Vorteile gehen nicht verloren, sondern ergänzen sich mit der neu hinzugewonnenen Expertise", heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Irgendwann sind die Quereinsteiger also im Unternehmen angekommen - exotisch bleiben sie aber trotzdem.

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