https://www.faz.net/-gyl-6vcii

Psychotherapeuten : Lange Durststrecke

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Wer Psychotherapeut werden will, muss nach dem Studium eine lange und teure Ausbildung in Kauf nehmen. Viele arbeiten ein Jahr lang ohne Bezahlung in der Psychiatrie. Am Ende winkt dafür meist ein sicherer Arbeitsplatz.

          Anna Nitsche arbeitet in einer psychiatrischen Klinik in Lüneburg. Sie geht gern zur Arbeit, freut sich, mit den Patienten zusammen zu sein. Nitsche leitet eine Entspannungs- und eine Depressionsbewältigungsgruppe, führt Einzelgespräche mit Menschen, die sich selbst verletzen wollen. Aber manchmal, wenn sie auf ihren Kontoauszug blickt, ist die Diplom-Psychologin ziemlich unzufrieden. Rund 1000 Euro brutto verdient sie im Monat - für eine Vollzeitstelle. Dass sie nach dem Studium weniger Geld zur Verfügung hat als zuvor, macht ihr zu schaffen. „Ich hatte mir das einfacher vorgestellt“, sagt sie.

          Dabei hat es Nitsche vergleichsweise gut getroffen, sie verdient wenigstens noch etwas. Seit vergangenem Mai macht sie das „Psychiatriejahr“, das jeder zu absolvieren hat, der „Psychologischer Psychotherapeut“ werden will. 1200 Stunden in einer Psychiatrie verteilt über mindestens ein Jahr, und dann noch einmal 600 Stunden in einer psychosomatischen Einrichtung sind fester Bestandteil der Ausbildung. In Ballungsräumen wie Berlin, Hamburg oder Köln müssen die Jungtherapeuten dabei oft umsonst oder für ein kleines Praktikantengehalt arbeiten. Abends oder an den Wochenenden stehen dann noch Seminarbesuche an. Die Ausbildung dauert alles in allem mindestens drei Jahre - und sie kostet Geld. 1100 Euro muss etwa Nitsche pro Quartal an ihr Ausbildungsinstitut überweisen. Später kommen weitere Kosten für Supervision und Selbsterfahrung hinzu. Wenn die Ersparnisse nicht reichen oder die Eltern nichts dazugeben können, müssen daher viele einen Kredit aufnehmen, um den Lebensunterhalt und die Ausbildungskosten bezahlen zu können.

          „Die Arbeit in der Psychiatrie ist eine harte Arbeit“, sagt Katharina Röpcke. Auch sie will Therapeutin werden, macht ihre Ausbildung in Berlin. Ihr Psychiatriejahr absolviert sie an einer Klinik des Vivantes-Konzerns. Dort zahlte man ihr zunächst 200 Euro im Monat. Ihr und gut 200 anderen „Psychotherapeuten in Ausbildung“ (PIAs) aus Berlin war das nicht genug, sie wollten sich wehren. Also gingen die „Psychotherapeuten in Ausbeutung“, wie sich das Aktionsbündnis nennt, mehrmals auf die Straße, zogen im September etwa von der Charité zum Bundesministerium für Gesundheit. Zumindest Vivantes hat inzwischen die Bedingungen verbessert, Röpcke verdient nun immerhin 400 Euro. Dennoch soll Anfang Dezember in Berlin der erste PIA-Streik Deutschlands stattfinden. Offenbar hat nun auch die Politik die Klagerufe wahrgenommen: Das Gesundheitsministerium kündigte etwas vage an, die Ausbildung noch in dieser Legislaturperiode „umfassend“ reformieren zu wollen.

          Menschen aus der Krise begleiten

          Doch warum tut man sich das eigentlich alles an? 350 Euro zahlt Röpcke im Monat für ihre Ausbildung, das Gehalt verschwindet also gleich wieder. „Das ist eine idealistische Entscheidung“, sagt sie. Ihr mache die Arbeit viel Freude, es sei etwas „sehr Schönes, einen Menschen aus einer Krise zu begleiten“. Außerdem ist die Durststrecke begrenzt: Nach dem Psychiatriejahr kann man sich einen normalen Job suchen und verdient Geld mit den ambulanten Therapiesitzungen, die man im Rahmen der Ausbildung zu absolvieren hat. 55 Euro pro Sitzung sind es etwa bei Robin Siegel, der sich in der Endphase der Ausbildung befindet. Mindestens 600 Sitzungen müssen PIAs unter Supervision machen, da kommt einiges zusammen. „Ich werde ohne Lebenshaltungskosten wahrscheinlich mit zwei- bis viertausend Euro plus rauskommen“, sagt Siegel. Nach seinem Studium musste er zunächst wieder bei seiner Mutter einziehen, um sich das Psychiatriejahr leisten zu können. Danach lief es finanziell aber schnell besser.

          Weitere Themen

          Mein Leben danach

          Hilfe für Hinterbliebene : Mein Leben danach

          Tötet sich ein geliebter Mensch, tut sich für die Hinterbliebenen ein Abgrund auf. Ein gerade gestartetes Online-Therapieprogramm soll ihnen helfen, wieder Freude am Leben zu finden. Wie schwer dieser Weg zurück ist, erzählen sechs Betroffene.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.