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Freiberufler : Programmieren im Café

  • -Aktualisiert am

Draußen vor dem Café arbeiten - das können meist nur Freiberufler. Bild: AFP

Wenn nur ein Laptop ausreicht: Entwickler erzählen, warum sie lieber freiberuflich als festangestellt arbeiten. Und warum man die Risiken, die das birgt, trotzdem nicht unterschätzen sollte.

          Die Vorstellung, 30 Jahre lang im selben Büro zu sitzen und sich mit den immer gleichen Problemen zu beschäftigen, findet Simon Brüchner schrecklich. Entgegen der gängigen Vorstellung, selbständige Programmierer fänden keine Festanstellung und arbeiteten für einen Hungerlohn, hat sich Brüchner freiwillig für diesen Weg entschieden - und sagt, er könne davon „gut leben“. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er für verschiedene Auftraggeber in Deutschland, momentan für ein Start-up in Heidelberg. Nur aus einer Stadt nimmt er keine Aufträge an: Berlin: „Sie ist überlaufen mit IT-Spezialisten, man wird nicht angemessen bezahlt“, sagt Brüchner. Der Standort sei zudem günstig. „Viele Unternehmen können sich über Jahre durchmogeln, ohne wirklich Gewinne zu erzielen. Da ist mir die Gefahr zu hoch, an einen unseriösen Arbeitgeber zu geraten.“

          Wenn allgemein beklagt wird, dass süddeutsche Städte wie Frankfurt es an Gründerfreundlichkeit für IT-Fachkräfte mangeln lassen, sieht Brüchner gerade darin einen Vorteil. Die hohen Lebenshaltungskosten und der Konkurrenzdruck für Start-ups und Freiberufler seien zu hoch, um sich ohne Erfolge lange zu halten. „Wer es binnen eines Jahres nicht schafft, Fuß zu fassen, lässt es sein.“ Das gelte auch für Auftraggeber. „Wenn jemand aus München oder Frankfurt anruft, dann weiß ich, dass da Geld dahintersteckt“, sagt Brüchner. Seine Aufträge erhält er oft über IT-Vermittlungsstellen, die Kette bis zum eigentlichen Auftraggeber sei lang. Es sei nicht ungewöhnlich, einen Stundenvertrag mit einer IT-Vermittlung in Großbritannien zu haben, von dieser in einem Büro in München eingesetzt zu werden, das seinen Hauptsitz in Amerika hat, aber von T-Online aus Darmstadt beauftragt wurde.

          Simon Brüchner

          Vermittlungsagenturen seien bei vielen Kollegen unbeliebt. Doch Brüchner sieht in ihnen den Vorteil, an große Auftraggeber zu kommen. Im Schnitt etwa sechs Monate arbeitet Brüchner dann an einem Projekt. Ein Start-up wie Wawibox, für das er gerade arbeitet, sei als Auftraggeber eher die Ausnahme. Das Unternehmen bietet Preisvergleiche für den Produktbedarf von Zahnarztpraxen an. Brüchner schreibt für Wawibox Algorithmen, die es ermöglichen, die Preisvergleiche im Internet richtig anzuzeigen.

          Nicht nur das fachliche Können ist entscheidend

          Sein Marketing sei seine Professionalität, sagt Brüchner. Im IT-Bereich sei nicht nur das fachliche Können, sondern auch die Arbeitsweise entscheidend. Brüchner sieht sich als Söldner, der für einen zahlenden Arbeitgeber 110 Prozent gibt. Er fange keine Diskussionen an, gebe Rückmeldung und liefere dem Kunden in vereinbarter Frist genau das, was dieser sich gewünscht habe, ohne sich selbst im Projekt verwirklichen zu wollen. „Sicher gibt es Nerds, die die Arbeit zwei Tage schneller machen könnten. Aber das nutzt dem Auftraggeber wenig, wenn er nicht mit dem Unternehmen kommunizieren kann.“

          Brüchner ist technischer Diplom-Betriebswirt, doch was er im Studium gelernt hat, braucht er in seinem Beruf kaum. Eine Stunde am Tag verwende er darauf, sich durch Lesen auf dem Laufenden zu halten. „Ich versuche, auf allen Ebenen sehr professionell zu sein“, sagt Brüchner. Meist komme ein Anruf der Vermittlungsagentur, zwei Tage später finde ein Telefoninterview statt und zu Beginn der folgenden Woche sitze er, ins Thema eingearbeitet, im Büro des Auftraggebers. „Ich kenne mich in der allerneusten Technik nicht aus. Aber das macht nichts, denn die Unternehmen arbeiten ja auch nicht mit der neuesten Technik“, sagt Brüchner. Bis jetzt habe er nach fast jedem Projekt eine Festanstellung angeboten bekommen. Doch um seine Zukunft als Freelancer macht er sich keine Sorgen.

          Das erste IT-Projekt mit 18 Jahren

          Das ist auch bei Sascha Held der Fall. Ihn versorgen auch große Unternehmen mit Aufträgen. Der 27 Jahre alte Selbständige hat sich auf mobile Technik wie die App-Entwicklung für Android- und Apple-Geräte spezialisiert. Held machte eine Ausbildung im Software-Bereich der Commerzbank, viele IT-Fähigkeiten hat er sich autodidaktisch angeeignet - das erste IT-Projekt begann er mit 18 Jahren. Anders als Brüchner arbeitet Held häufig von zu Hause aus. Wo genau jedoch „zu Hause“ ist, lässt sich schwer sagen. Held hat eine Wohnung in Frankfurt, Frau und Kinder auf dem Land, gerade wohnt und arbeitet er in Berlin. „60 Prozent der Anfragen, die ich erhalte, kommen von dort“, sagt er. Auch er ist der Meinung, dass sich in Berlin viele Unternehmen und Selbständige nicht lange in der Szene halten können. „Fast jeder ist dort der Meinung, er könnte sich selbständig machen oder irgendetwas gründen. Viele fallen damit auf die Nase“, sagt er. Was ihn an einem Auftraggeber überzeugen müsse, sei dessen Konzept - und dass der Kunde solvent sei.

          Sascha Held

          Held arbeitet vorzugsweise nur an Projekten, bei denen ihm die Technik Spaß macht. An einer Festanstellung hat er kein Interesse: Routine, Unterforderung, wenig Möglichkeiten zur Fortbildung, das sei für ihn keine Option. „Ich arbeite auch gerne im Café oder einen Vormittag lang nicht, als Selbständiger steht mir das offen“, sagt er. Problematisch sei die Bezahlung. Da er seine Aufträge selten über Vermittlungsagenturen abwickelt, fehlt ihm auch die finanzielle Sicherheit. Die Zahlungsmoral einiger Kunden sei niedrig. Beim letzten Projekt blieb sogar die Bezahlung aus. Um das zu verhindern, greift Held meist auf eine Bank zurück, die sich um die Auszahlung kümmert.

          Neben den Aufträgen investiert Held meist einige Stunden in sein eigenes Produkt, eine App, mit der sich Benzinpreise vergleichen lassen. Weitere drei bis fünf Stunden in der Woche nutzt er, um sich weiterzubilden. „Der IT-Bereich ist unglaublich schnelllebig, nennenswerte Veränderungen gibt es wöchentlich.“ Darin sieht Held jedoch kein Problem: „Man entwickelt ja Produkte, die die nächsten Jahre mit dieser Technik arbeiten. Das Allerneuste verwenden die wenigsten Unternehmen.“

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