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Peter Sillem : Mit 50 noch mal ganz neu anfangen

  • Aktualisiert am

Peter Sillem in seiner Galerie in Frankfurt Sachsenhausen Bild: Victor Hedwig

Peter Sillem hat in einem großen Buchverlag Karriere gemacht. Jetzt wechselt er das Metier und gründet eine Kunstgalerie. Eine Geschichte über Mut, Geld und die Tücken der Selbständigkeit. Von Dennis Kremer

          An seinem 50. Geburtstag lud Peter Sillem alle seine Kollegen zum Mittagessen ein, hielt eine Dankesrede und verließ daraufhin den Verlag, für den er 30 Jahre seines Lebens fast ohne Unterbrechung gearbeitet hatte. Zuerst als Auszubildender, dann während des Studiums, später als Lektor und schließlich als Programmgeschäftsführer – eine der wichtigsten Positionen, die man bei den S. Fischer Verlagen in Frankfurt innehaben kann. Es hatte keinen Streit gegeben, auch kein anderes Jobangebot, nicht einmal eine besondere familiäre Situation, die den Ausstieg nötig gemacht hätte. Es war lediglich eine Frage gewesen, die alles ausgelöst hatte – eine Frage, die Sillem in all den Jahren nie aus dem Kopf gegangen war. Sie lautete: Wie lange kann man in seinem Leben noch einmal etwas Neues beginnen?

          Peter Sillem, ein großer Mann mit lockigen Haaren, sitzt nicht einmal drei Monate nach seinem Abschied vom Verlag in einem 70 Quadratmeter großen Ladenlokal im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Von hier aus will Sillem den Beweis antreten, dass 50 Jahre genau das richtige Alter sind, um noch einmal von vorn anzufangen. Er hat sich entschlossen, Galerist zu werden. Wie kommt einer auf so eine verrückte Idee?

          Das Wunderbare an Peter Sillem ist, dass man den Ausdruck „verrückt“ immer unpassender findet, je länger man ihm zuhört. Seine Geschichte kann all jenen Mut machen, die schon immer davon träumten, das Alte hinter sich zu lassen und etwas Neues zu wagen. Denen dann aber die Energie fehlt, die Sache wirklich durchzuziehen.

          Als mutig will Sillem selbst seinen Umstieg gar nicht verstanden wissen, für ihn war er eher zwangsläufig. Im Gespräch mit ihm wird klar, dass neben unbedingter Entschlossenheit zwei weitere Dinge nötig sind, um die Idee am Ende auch wirklich in die Tat umzusetzen: finanzielle Rücklagen und ein genauer Plan. In Sillems Fall gehört sogar noch etwas Drittes dazu – nämlich die Bereitschaft, sich den Launen des Kunstmarktes auszusetzen. Ein Markt, auf dem einerseits Rekordpreise für einzelne Werke gezahlt werden. Und auf dem andererseits nicht wenige Künstler und Galeristen nur schwer ein Auskommen haben.

          „Ich wollte immer biographischen Wunden vermeiden“

          Man nimmt Peter Sillem ab, dass es in seinem Fall tatsächlich unausweichlich war, dass er eines Tages Galerist werden würde. „Ich wollte in meinem Leben immer biographische Wunden vermeiden. Da war die Sorge, dass ich etwas nicht erleben könnte, was ich mir fest vorgenommen hatte. Ich habe darum stets die zeitliche Perspektive umgedreht und mich gefragt: Wie will ich am Ende meines Lebens gelebt haben?“ In einem Ratgeber für Firmengründer würde dies wohl als der erste Schritt zum gelungenen Start festgehalten – Ehrlichkeit zu sich selbst.

          Zum ersten Mal wurde Sillem von der Sorge, etwas nicht zu verpassen, vor mittlerweile mehr als zwanzig Jahren heimgesucht. Noch während er an seiner Dissertation schrieb, erhielt er ein verlockendes Angebot: Ob er nicht Lektor bei S. Fischer werden wolle? Sillem wollte, hatte aber zugleich Skrupel. Eine abgebrochene Doktorarbeit passte nicht zu der Art, wie er später einmal auf sein Leben zurückblicken wollte. Also handelte er noch vor seinem ersten Arbeitstag aus, dass man ihm bald schon ein Sabbatical gewähren solle, in dem er seine Doktorarbeit zu Ende schreiben wollte.

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