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Personalentwicklung : Der Chef, Dein Coach?

  • -Aktualisiert am

Ein Coach für das berufliche Spielfeld Bild: fotolia.com

Dass Führungskräfte ihre Mitarbeiter coachen, ist aus Unternehmen inzwischen öfter zu hören. Kritiker meinen, es handle sich dabei um Augenwischerei. Tatsächlich fingen die Firmen endlich an, Mitarbeiter vernünftig zu führen - nennen das aber Coaching, um ihr Gesicht zu wahren.

          Vor mehr als zwanzig Jahren war es schon einmal soweit: in der Ökobewegung strickte man nicht nur Pullis selbst, sondern debattierte auch über respektvolles Miteinander: Werner erklärte Uschi, warum sie mit dem Norbert nicht so reden kann. Weil der eine ganz andere Perspektive hat und sie mit geschlossenen Fragen bei ihm nicht weiterkommt. Das verletze seine Gefühle.

          Heute diskutieren sie wieder - in den Vorstandsetagen und Unternehmen. Führungskräfte lernen, wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen müssen, damit diese sich entwickeln können. Und vor allen Dingen: wie sie mit ihnen reden müssen. Und genau darüber streiten sich Unternehmen, Coaches und Berater. Die einen sind überzeugt, dass das funktioniert. Die anderen höhnen, es handle sich um Effekthascherei.

          Im Mittelpunkt der Debatte steht der Begriff Coaching. Grob bezeichnet bedeutet er Hilfe zur Selbsthilfe. Wie diese gestaltet wird und wo die Grenzen liegen, bleibt in der Coaching-Branche ungeklärt. Angeboten wird die Dienstleistung bislang vor allem von externen Trainern. Mit ihrer Hilfe arbeiten Menschen zielorientiert an ihrer Persönlichkeit und an ihrem Umgang mit anderen. Coaches sind daher fit in Kommunikationstheorie, Konfliktmanagement und Fragetechniken. So loten sie Verständigungsprobleme schnell aus. Indem sie Werte und Motive des Mitarbeiters hinterfragen, entdeckt dieser seine Ziele und Stärken.

          Kann ein Coach die Personalakte führen?

          Für Firmen spielt das zunehmend eine Rolle, weil selbständige Menschen mehr Umsatz bringen. Einige verlangen daher, dass ihre Führungskräften Erfahrung beim Thema Coaching mitbringen. Davon halten die Fachleute wenig. Firmen seien Spielfelder der Macht und innerhalb der Mannschaft bestimme eben harter Wettbewerb die Verhaltensregeln. Offene und ehrliche Dialoge seien nicht überall erwünscht. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Arbeitnehmer ihrem Vorgesetzten dringende Sorgen und Probleme anvertrauen, wenn der auch noch die Personalakte verfasst“, entrüstet sich Coaching-Experte Christopher Rauen, Verfasser einiger Standardwerke der Branche.

          Auch Dirk Seeling regt das Thema auf. Er ist Geschäftsführer der Personal- und Unternehmensberatung personal-point GmbH: „Beraten Sie Ihre Mitarbeiter, geben Sie ihnen Feedback, Tipps oder Lob. Aber nennen Sie diese Form der Personalentwicklung nicht Coaching.“ Die Rolle und Aufgabe der Führungskraft seien mit der des Coaches nicht vereinbar. Coaching setze eine gegenseitige Offenheit voraus, welche die Beziehung zwischen Mitarbeiter und Führungskraft überfordere.

          Rauen fügt hinzu: „In der Führung geht es letztlich immer um Zielvereinbarungen und deren Umsetzung, welche von der Führungskraft zu kontrollieren ist.“ Das begründe ein hierarchisches Verhältnis, das sich mit dem klassischen Austausch auf Augenhöhe zwischen Coach und Gecoachtem beiße. Neutralität könnten Manager nicht gewährleisten. Die seien schließlich der verlängerte Arm der Unternehmensleitung.

          Coaching ohne Vertrauen bleibt oberflächlich

          Und dann gehe das nötige Vertrauen verloren, würde sich der Mitarbeiter nicht voll öffnen, wäre das Gespräch oberflächlich, so Rauen. „Und denken Sie nur mal an den Fall, wo jemand in einer wirklich miesen Firma arbeitet, mit dem Team nicht klarkommt und die Führungskraft dazu beiträgt, dass die Verhältnisse so sind - die Person wird sich kaum coachen lassen.“ Außerdem: Kann sie Coaching ablehnen, fragt Rauen, so wie das bei einem externen Coach möglich wäre? Der würde mit dem Klienten nur arbeiten, wenn er ausdrücklich beauftragt wird - ein festgeschriebenes Branchengesetz.

          „Coaching durch Führungskräfte ist keine Augenwischerei“, glaubt dagegen der Führungskräfte- und Businesscoach Rolf Meier. Die Methode ziele darauf ab, Reflexionen auszulösen, eigene Motivationen bewusst zu machen, Handlungsoptionen am Arbeitsplatz zu entwickeln und sich mit eigenen Ressourcen zu beschäftigen. Das sei im Interesse von Vorgesetztem und Mitarbeiter. Coaching passe daher in die Führung.

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