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Neue Technologien : Digitalisierung bedroht massenhaft Arbeitsplätze

Roboter ersetzen Menschen. Und was heißt das für die Arbeitswelt der Zukunft? Bild: dpa

Weil Roboter Menschen ersetzen und Arbeitsplätze vernichten, droht Deutschland eine „trostlose Zukunft“: So jedenfalls klingt eine neue, düstere Analyse der Deutschen Bank. Wie ausweglos ist das Arbeitsmarkt-Desaster?

          Große wirtschaftliche Umwälzungen wie die industrielle Revolution oder die Automatisierung der Produktion haben die Arbeitswelt nachhaltig verändert. Wissenschaftler weisen jedoch häufig darauf hin, dass zumindest mittelfristig in den Industrieländern die Beschäftigung dadurch nicht gesunken, sondern sogar noch gestiegen ist. Die derzeit mit enormem Tempo voranschreitende Digitalisierung von Wissensarbeit und Produktion könnte diese Regel jedoch durchbrechen, warnen kritische Stimmen zunehmend. Nun hat auch die Deutsche Bank ungewohnt drastische Worte gefunden für das erwartete Szenario. Die Arbeit in den entwickelten Ländern erlebt die markantesten Veränderungen seit Generationen, heißt es in einer Analysereihe, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          „Zum ersten Mal seit der industriellen Revolution zerstört neue Technologie mehr Arbeitsplätze, als sie neue mobilisieren kann“, lautet darin der entscheidende Satz von Aleksandar Kocic, dem Managing Director Research des Geldhauses in New York. Wie viele andere Branchen befindet sich auch das Bankgewerbe gerade mitten im Umbruch. Tausende Filialen stehen allein in Deutschland zur Disposition, weil die Kunden ihre Geschäfte zunehmend digital abwickeln.

          Kocic hält weiter fest, dass Arbeit im internationalen Wettbewerb unverändert denselben „Output“, das heißt eine hohe Produktivität erbringen muss. „Damit wird klar, dass in einigen Ländern Wachstum künftig möglich sein wird, ohne dass Beschäftigung und Gehälter steigen.“ Solche Veränderungen zögen weitgehende wirtschaftliche und soziale Folgen nach sich. In welchen Ländern diese Szenarien greifen, darauf geht Kocic nicht näher ein. Seine Untersuchung dürfte sich jedoch stark an den Vereinigten Staaten von Amerika orientieren. In Deutschland steigt die Beschäftigung seit Jahren von einem Rekordhoch auf das nächste. Allerdings zeichnet sich auch hier ab, dass die digitale Revolution zahlreiche von Menschen ausgeübte Tätigkeiten überflüssig machen wird. Die Frage, ob im Saldo mehr oder weniger Arbeitsplätze entstehen, wird auch hierzulande längst gestellt.

          Mehr Menschen in „Zwangsarbeit“ gedrängt

          Kocic analysiert auch das Auseinanderdriften der Kapitalrenditen und der Lohn- und Gehaltsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte und die Folgen vor allem aus amerikanischer Sicht: „Verbraucherkredite wurden ein Ersatz für Lohnerhöhungen, Hypotheken erfüllten das vermeintliche Recht auf Wohnraum, Studiendarlehen ersetzten kostenlose Bildung, und die öffentliche Gesundheitsversorgung wurde nach und nach in die private Versicherung verschoben.“ Daraus habe sich eine negative Rückkopplung für Arbeit ergeben, denn niedrige Löhne bedeuten eine höhere Abhängigkeit von Krediten, was wiederum zu höheren Lebenshaltungskosten führe. Dadurch würden mehr Menschen in „Zwangsarbeit“ gedrängt.

          Für Unternehmer habe sich aus dem Arbeitskräfteüberschuss nach der Finanz- und Wirtschaftskrise eine komfortable Situation ergeben. Sie konnten dauerhafte Arbeitnehmer durch schlechter bezahlte und befristete ersetzen und somit die Produktionskosten senken. „In mancher Hinsicht ist es so, als ob die Wirtschaft in das frühe Industriezeitalter zurückgefallen ist“, schreibt der Analyst. Für Deutschland trifft diese Analyse angesichts der demographischen Entwicklung, der hohen Kräftenachfrage und kräftiger Lohnzuwächse in den vergangenen Jahren so jedoch nicht zu.

          Erfinder, Erzieher, Verkäufer und Arbeiter

          Für die Zukunft entwickelt Kocic ein Szenario, in dem es vier Gruppen von Arbeitskräften gibt: Erfinder, Erzieher, Verkäufer und Arbeiter. Die ersten drei Kategorien verfügten über persönliche Fähigkeiten, die nicht vollautomatisch erfolgen können. Die Arbeiter stünden dagegen vor einer „trostlosen Zukunft“, sie seien austauschbar und erweiterbar.

          Kocic prophezeit „Job-Auktionen“, in denen diese Arbeiter mit minimaler Verhandlungsmacht ihre reine Arbeitskraft versteigerten. Vermittler werden Stallungen mit einfachen Arbeitern verwalten, lautet die düstere Prognose. Die Unternehmen besäßen dagegen maximale Flexibilität, weil sie auf sich verändernde Marktsituationen rasch reagieren könnten - durch Senkung der Personalkosten bei den schwachen, unqualifizierten Kräften. Höher qualifizierte Fachkräfte seien dagegen in der Lage, auch höhere Gehälter durchzusetzen und ihren Konsum zu sichern, selbst in Phasen der Arbeitslosigkeit. Im Extremfall kann diese Entwicklung laut Kocic in einer Arbeitswelt enden, in der jeder für sich selbst arbeitet. „Das ist eine Umwandlung von einer Gesellschaft der Arbeitnehmer zu einer Gesellschaft der Arbeitgeber.“ Die ultimative Ironie dabei sei aber, dass sich die Menschen am Ende zu längeren Arbeitszeiten und schlechteren Löhnen selbst beschäftigten.

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