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Neue Prognose : Deutschland braucht mehr Arbeitskräfte

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Bild: Picture-Alliance

Der deutschen Wirtschaft werden bis zum Ende des Jahrzehnts rund 1,8 Millionen Beschäftigte fehlen. Das besagt eine neue Studie, die der F.A.Z. vorliegt. Der größte Mangel wird nicht an Akademikern bestehen.

          Ökonomen debattieren derzeit heftig darüber, welche Folgen die zunehmende Digitalisierung und die Vernetzung der Produktion (Industrie 4.0) auf den Arbeitsmarkt haben könnten. Dass diese Entwicklungen viele Beschäftigungsformen in Frage stellen oder gar überflüssig machen werden, stellt kaum jemand in Frage. Die Frage ist, welche Arbeitsplätze betroffen sein werden und welche neuen Tätigkeiten aus dem Wandel entstehen. Zu hören ist auch die These, dass dadurch die Folgen des demographischen Wandels in Deutschland, wo in den kommenden Jahren Millionen Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, abgefedert werden können. Im besten Fall könnte der bislang prognostizierte Fachkräftemangel dadurch vielleicht sogar ausfallen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Diese Hoffnung scheint trügerisch, wie aus der Studie „Arbeitslandschaft 2040“ hervorgeht, die das Forschungsinstitut Prognos im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) erstellt hat. Die Untersuchung, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt, kommt zu dem Ergebnis, dass sich bis 2020 eine Lücke von 1,8 Millionen Arbeitskräften in Deutschland auftun wird. Der Blick in das Jahr 2040 zeigt, dass die Kluft ohne gezieltes Gegensteuern sogar auf 3,9 Millionen wächst. In der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2012 waren es allerdings noch 4 Millionen. „Der weitere Anstieg des Fachkräftemangels ist damit gestoppt“, kommentierte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw, die Ergebnisse.

          Im Jahr 2020 könnten demnach rund 1,2 Millionen mit Berufsabschluss und gut 500.000 Hochschulabsolventen fehlen. In der Vorerhebung waren es noch 1,1 Millionen Facharbeiter und 640.000 Akademiker gewesen. „Es findet eine Verschiebung der Fachkräftelücke statt, hin zu den Berufen, die eine Lehre oder Technikerausbildung erfordern“, lautet Brossardts Schlussfolgerung. Diese Verschiebung der Arbeitskräftenachfrage sei auf die Effekte der Bildungsexpansion zurückzuführen, wodurch sich die Zahl der Akademiker deutlich erhöht habe. Die größten Engpässe werden im Dienstleistungssektor insbesondere bei Gesundheit und Pflege sowie im Verarbeitenden Gewerbe (Fertigung, Forschung und Entwicklung) erwartet. An Unqualifizierten werde es dagegen langfristig ein Überangebot geben.

          Die Lücke kann geschlossen werden

          Die Studie geht auch auf die Digitalisierung ein. „Im Vergleich zu früheren Entwicklungen ist eine zentrale Erkenntnis, dass der technologische Fortschritt mittlerweile auch die sogenannten Wissensarbeiter trifft“, heißt es. Konkurrenz durch den Computer erführen künftig auch Erwerbstätige, die verwaltende und organisatorische sowie wissensbasierte Tätigkeiten ausführen. In der Vergangenheit seien zumeist produktionsnahe und primäre Dienstleistungstätigkeiten dem technologischen Fortschritt zum Opfer gefallen.

          Brossardt weist darauf hin, dass die rechnerische Fachkräftelücke mit geeigneten Maßnahmen geschlossen werden kann. Dazu zählten Schritte zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung und zur Verlängerung der Arbeitszeit sowie zur Verbesserung des Bildungsniveaus und der Beschäftigungschancen. Den Rahmenbedingungen zur Ausweitung der Arbeitszeiten von Frauen kommt aus seiner Sicht eine Schlüsselrolle zu.

          Dass Technikspezialisten schon heute knapp sind, zeigt eine am Mittwoch vorgestellte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach fehlen derzeit mehr als 137 000 Arbeitskräfte mit technischem, IT-, naturwissenschaftlichem oder mathematischem Abschluss. Dies sei der höchste Stand seit Dezember 2012. IW-Direktor Michael Hüther warf der großen Koalition vor, mit der abschlagsfreien Rente mit 63 die Zahl älterer Facharbeiter ausgedünnt zu haben.

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