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Neue Freiheit : Auslaufmodell Acht-Stunden-Tag

  • -Aktualisiert am

Andreas Bartels von der Lufthansa arbeitet nur noch mobil. Bild: Wolfgang Eilmes

Wenn die besten Ideen beim Joggen kommen, brauchen Mitarbeiter doch keinen eigenen Schreibtisch mehr. Also nur noch von Zuhause arbeiten?

          Nachmittags freimachen, mit den Kindern in den Zoo gehen oder zum Sport und die restliche Arbeit später erledigen im Homeoffice oder im Hotelzimmer, wenn man unterwegs ist. Mancherorts in Deutschland ist der klassische Acht-Stunden-Tag, montags bis freitags von neun bis fünf, schon zum Auslaufmodell geworden. Längst lässt sich vieles mit Laptop und Smartphone außerhalb der Firma zu Hause, im Café oder anderen Orten erledigen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Arbeiten von unterwegs gehört für Özlem Sahin mittlerweile dazu. Die 39 Jahre alte Bosch-Mitarbeiterin ist als Verpackungsplanerin tätig und zugleich Leistungssportlerin. Wenn bei der Boxerin ein Wettkampf mit der entsprechenden Vorbereitungsphase ansteht, verlegt die ausgebildete Mechanikerin ihren Arbeitsplatz regelmäßig am Donnerstag und Freitag in ein Hotelzimmer nach Köln und erledigt zwischen den Trainingseinheiten die anfallenden Aufgaben. „Wir machen vieles per E-Mail oder auch am Telefon“, sagt sie. Die Sportlerin bevorzugt die Absprachen per Telefon. Das gehe in der Regel schneller.

          Mobiles Arbeiten erfordert viel Disziplin. Denn damit alle Absprachen klappen, ist mehr Vorbereitung notwendig als bei täglicher Anwesenheit im Büro. Vor Ort am Standort Waiblingen bei Stuttgart ist sie während ihrer Trainingsphasen dann von Montag bis Mittwoch. „In dieser Zeit wird dann alles Notwendige geklärt, damit während meiner Abwesenheit alles reibungslos vonstattengeht.“ Bosch hat alle 240.000 Bildschirmarbeitsplätze rund um die Welt mit entsprechender Software ausgestattet, damit Videotelefonie und andere Kommunikationsformen über das Internet mit den nicht am Standort arbeitenden Kollegen möglich sind. Und so kann sich Sahin auch von überall in das Netzwerk des Technologiekonzerns einwählen und schauen, ob in ihrem Bereich alles so funktioniert wie geplant. Ihre Abwesenheit müsse sie natürlich mit den Beteiligten abstimmen, sagt sie. „Das hat bisher immer geklappt.“ Wichtig sei beim mobilen Arbeiten gegenseitiges Vertrauen und das Einhalten der Absprachen.

          Weg von einer starren Präsenz

          Christoph Kübel, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Robert Bosch GmbH, betont: „Eine lange Anwesenheit am Arbeitsplatz wird oft noch mit Leistung gleichgesetzt. Wir wollen weg von einer starren Präsenz am Arbeitsplatz, hin zu mehr Flexibilität und Ergebnisorientierung. Auch unsere Führungskräfte wollen wir motivieren, Flexibilität im eigenen Führungsverhalten zu erleben und gleichzeitig zu erkennen, dass auch eine Führungsaufgabe in flexibler Arbeitszeit möglich ist.“ Gute Ideen entstünden ebenso auf der Terrasse oder beim Joggen in der Mittagspause. „Auch Teilzeit ist eine Möglichkeit, sich eine kreative Denkpause in der Arbeitswoche zu verschaffen oder neue Energie zu tanken.“

          Mit einem ähnlichen Konzept reagiert die Deutsche Lufthansa auf die Wünsche ihrer Mitarbeiter, zunehmend mobil und flexibel zu arbeiten. In der Frankfurter Zentrale, intern LAC genannt, sollen für Teile der Beschäftigten feste Arbeitsplätze verschwinden. Stattdessen arbeiten die davon betroffenen Lufthanseaten an ihrem Heimarbeitsplatz, von unterwegs aus oder suchen sich im Lufthansa Aviation Center (LAC) einen Arbeitsplatz, der gerade frei ist, weil der Kollege frei hat oder zum Kunden düst.

          Im Gebäude wechseln die Mitarbeiter ständig den Schreibtisch.

          Für das Konzept „New Workspace“, das auf eine Kombination aus Großraumbüro und Heimarbeit setzt, spricht nach Angaben der Fluggesellschaft schon allein wirtschaftliches Kalkül: Da viele Mitarbeiter regelmäßig im Jahr reisen, urlauben oder krank sind, könnten sich mehrere Lufthanseaten einen Schreibtisch teilen, wenn deren Arbeitszeiten elektronisch aufeinander abgestimmt werden.

          Herausforderung für Führungskräfte

          Durch das Termin-Management im Büro entsteht mehr Raum für neue Kollegen, die aus den umliegenden Bürostandorten in die Zentrale am Flughafen ziehen. Bis Herbst 2017, lautet die interne Vorgabe, soll die Zahl der LAC-Beschäftigten von 1800 auf 2500 Personen steigen. Damit werden im Schnitt rund 4 Millionen Euro im Jahr gespart. Dem gegenüber stehen einmalige Investitionen von rund 11 Millionen Euro, die in moderne IT-Lösungen, neues Mobiliar oder Umschulungen fließen, heißt es.

          Mal hier mal da: So sieht die neue Arbeitswelt aus.

          Neben den Kosten sprechen auch organisatorische Gründe für einen Umbau des Arbeitsplatzes: „Der Betriebsalltag heute lebt vom regelmäßigen Informationsaustausch und schnellen Reaktionen“, sagt Lars Ottmer, Personalmanager und Chef der Business School der Lufthansa, „da kommen wir mit starren Arbeitsstrukturen in vielen Fällen nicht mehr weiter.“ Zudem zwingt auch der demographische Wandel zur Neuorientierung: Während die junge Generation flexible Arbeitsbedingungen im Büro fast schon voraussetzt, tun sich ältere Mitarbeiter mit solchen Reformen schwerer, berichtet der Lufthansa-Manager von ersten Erfahrungen mit dem neuen Projekt, das seit August 2014 im LAC umgesetzt wird.

          Mobiles Arbeiten macht Führung nicht unbedingt leichter. Oftmals gibt es erhöhte Koordinierungsaufgaben für die Führungskräfte, und es muss auch anders mit den Mitarbeitern außerhalb der Firma umgegangen werden. „Ein Treffen mit fünf Leuten am Tisch muss ganz anders moderiert werden als eine Telefonkonferenz“, erläutert Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. In den Unternehmen müsse gleichfalls ein entsprechender Kulturwandel mit einhergehen. „Man kauft oftmals die entsprechende Technik, und dann heißt es ,los geht’s!‘. Das funktioniert nicht automatisch.“ Die Kommunikation werde weniger, wenn sich die Mitarbeiter an verschiedenen Orten befinden. Und somit sei es auch nicht immer ganz einfach für die anderen, mitzubekommen, wenn etwas schieflaufe oder einer zu viel arbeite. „Das ist eine echte Herausforderung.“ Deshalb müsse Ehrlichkeit eingefordert werden und die Arbeit unter den Betroffenen gerecht verteilt werden.

          Home Office finden viele gar nicht attraktiv

          Doch mobiles Arbeiten und freie Zeiteinteilung sind nicht in jeder Branche und für jeden einzelnen Arbeitsplatz geeignet. Die einstige Begeisterung für diese vermeintlich moderne Arbeitsform nimmt in jüngerer Zeit sogar deutlich ab, wie das Allensbach-Institut für Demoskopie in einer Studie für die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft herausgefunden hat. Im Jahr 2013 fanden hierzulande immerhin 41 Prozent der Berufstätigen die Idee interessant, ihre Arbeit von zu Hause aus zu leisten. Ein Jahr danach war die Zahl allerdings schon auf 27 Prozent gesunken, und inzwischen sind es sogar nur noch 22 Prozent. Insgesamt 7 Prozent arbeiten heute schon von zu Hause aus. Weitere 23 Prozent halten ein Arbeiten im „Home Office“ bei ihren beruflichen Aufgaben zumindest für technisch möglich; sie glauben jedoch überwiegend nicht, dass ihr Arbeitgeber damit einverstanden wäre.

          Ein zentrales Ergebnis der Erhebung „Mobiles Arbeiten“, die Jochen Prümper von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin mit begleitete, ist, dass die meisten Arbeitnehmer heute nicht mehr ausschließlich an einem festen Arbeitsplatz arbeiten. Es wurden 674 Unternehmensvertreter überwiegend aus dem Management befragt. Bereits mehr als die Hälfte der Beschäftigten (54 Prozent) sind laut der Studie vorwiegend oder sogar ausschließlich mobil an wechselnden Arbeitsplätzen tätig. Größtenteils gehen sie innerhalb und außerhalb des Betriebs an wechselnden Plätzen der mobilen Tätigkeit nach. „Wir leben in einer Zeit des rasanten technologischen Wandels“, so der Wirtschafts- und Organisationspsychologe. Vollkommen neue Geschäftsmodelle entstünden, und Prozesse würden teilweise neu modelliert. „Mobile Technologien spielen dabei eine neue Rolle - auch im Personalmanagement.“

          Nicht alles per E-Mail erledigen

          Im Bundesarbeitsministerium hat sich indessen ein Arbeitskreis unter Leitung von SPD-Ministerin Andrea Nahles und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann überlegt, wie mobiles Arbeiten gestaltet und geregelt werden soll. Kritisch heißt es in dem Bericht der Arbeitsgruppe, dass beim Arbeiten zu Hause und erst recht in Cafés, Bahnhöfen oder Flughäfen „manchmal vergleichsweise schlechte ergonomische oder sonstige den Arbeitsschutz betreffende Bedingungen vorliegen“.

          Sule Dogan hat zu Hause ein komplett ausgestattetes Arbeitszimmer. Die 36 Jahre alte Informatikerin und Gruppenleiterin bei Bosch schätzt die Flexibilität, auch außerhalb des Großraumbüros arbeiten zu können. In ihrem Bereich würden die meisten Besprechungen normalerweise virtuell abgehalten. Da sei es nicht wichtig, ob man vor Ort sei oder zu Hause. Je nach Projekt wählt sie den Arbeitsort. Nur Heimarbeit zu machen, kann sie sich nur schwer vorstellen: „Ich bevorzuge auch mal das Gespräch bei eine Tasse Kaffee, anstatt alles per E-Mail zu erledigen.“

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