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Netzwerke : Mittagspause mit Kalkül

Mittagessen und Netzwerke knüpfen - das ist hier das Motto. Bild: Henning Bode

Abschalten in der Kantine - das war gestern. Viele Arbeitgeber nutzen die tägliche Auszeit zur Pflege der Unternehmenskultur, in der Netzwerke geknüpft oder Mitarbeiter inspiriert werden. Ein Ortsbesuch beim Versender Otto.

          Jürgen Bock macht sich bei der Arbeit viele Gedanken über die Pause. Das gehört zu seinem Job. Denn die Pause hat ungeheures Potential und wird noch immer dramatisch unterschätzt. Sie ist nicht nur Zeit für Muße und Regeneration, sondern auch die beste Zeit für etwas Unternehmenskultur. Und die liegt Jürgen Bock schon qua Amt sehr am Herzen. Er ist Leiter der Unternehmenskultur in der Otto Gruppe, jenem Urgestein des deutschen Versandhandels, das jetzt so gerne mit den hippen, amerikanischen Silicon-Valley-Companies mithalten möchte. Und die haben die coole Unternehmenskultur längst zu ihrem Markenzeichen gemacht: Kicker in der Wohnküche, Fitnesscenter, Lifestyle-Kantine, selbst der Chef lässt sich beim Vornamen nennen. Deshalb gibt es bei Otto schon seit einiger Zeit Culture Club statt Mittagstief, jedenfalls mindestens alle sechs Wochen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Dann lädt Jürgen Bock in eine große umgebaute Lagerhalle auf dem Gelände der Hamburger Otto-Zentrale, Lounge 6 genannt. Die Seiten sind gesäumt von Holzpaletten. Aufeinandergestapelt, ergeben sie erstaunlich geschmackvolle Tische und Bänke. Von der Decke baumeln Leuchtanzeigen aus längst vergangenen Tagen, inzwischen haben sie nur noch den Zweck, Industrie-Schick zu verbreiten. Denn der erinnert nicht mehr an Arbeit, sondern an Kreativität - was für sich genommen ziemlich erstaunlich ist.

          In der Mitte des Saales reihen sich schwere schwarze Ledersofas aneinander, Lehne an Lehne, alle nach der Stirnseite des Saales gerichtet. Dort steht Jürgen Bock, gekleidet in schwarzer Jeans, schwarzem T-Shirt und schwarzem Sakko, ein starker Kontrast zu seinen kurzen, schlohweißen Haaren. Rund zweihundert Kollegen sitzen vor ihm. Gerade haben sie gemeinsam Chili con Carne gegessen, Nachos und Salat, jetzt beginnt der eigentliche Culture Club: ein Youtube-Kurzfilmfestival der Otto-Mitarbeiter, liebevoll zusammengestoppelt, für jeden Geschmack etwas dabei: zehn Filmchen, ausgewählt von Kollegen für Kollegen, Anrührendes und Lustiges, Nachdenkliches und Provokantes, aus der ganzen Welt. Auch Werbefilme sind darunter.

          Die wichtigste Zeit des Tages

          Die Mittagspause, so heißt es häufig, ist die wichtigste Zeit des Tages. Wer auf die Pausen verzichtet, ist weniger leistungsfähig, auch wenn er damit gerne das Gegenteil beweisen möchte. Für produktives Arbeiten ist das Wechselspiel von konzentriertem Arbeiten und gekonnter Ablenkung wichtig. Aufstehen, den Körper bewegen, den Blick schweifen lassen, auf andere Gedanken kommen. Essen gerne, nur nicht am Arbeitsplatz. Dort stopft man nur sinnlos in sich hinein, unkontrolliert und ohne Erholungseffekt.

          Doch fast vergessen ist inzwischen, dass Pausen eine soziale Errungenschaft sind und keineswegs ein naturgegebenes Menschenrecht. Sie mussten einst mühsam von den Gewerkschaften erkämpft werden. Erst 1873 setzte der Verband der Buchdrucker eine Viertelstunde Frühstückspause am Vormittag und Vesperpause am Nachmittag durch. Davor war stets durchgearbeitet worden.

          Hundert Jahre später erlebt die Pause ihren Höhepunkt, jedenfalls was die arbeitsrechtliche Anerkennung angeht. Nirgendwo zeigte sich das so deutlich wie in der berühmten Steinkühlerpause. Sie gilt als wichtiger Bestandteil der „Humanisierung der Arbeitswelt“, für die die IG Metall Anfang der siebziger Jahre auf die Barrikaden ging. 1973 setzte sie nach einem dreiwöchigen Streik für die Fabrikarbeiter kategorisch Pausenzeiten durch: Für jeden Akkordarbeiter war fortan eine Erholungspause von fünf Minuten je Arbeitsstunde festgelegt - ebenjene „Steinkühlerpause“, die nach dem damaligen Verhandlungsführer der IG Metall in Baden-Württemberg, Franz Steinkühler, benannt ist. Weitere drei Minuten je Arbeitsstunde sind für „persönliche Bedürfnisse“ reserviert. Auch die klassische Pinkelpause wurde so in den Rang einer Tarifnorm erhoben.

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