https://www.faz.net/-gyl-8h9n0

Netzwerke : Mittagspause mit Kalkül

Die Pause hat ein Imageproblem

Hart und erbittert kämpften die Arbeiter für ihre Mittagspause. Seit 1994 steht sie für alle verbindlich im Arbeitszeitgesetz: 30 Minuten bei einer Arbeitszeit bis neun Stunden pro Tag, 45 Minuten für alles darüber. Doch inzwischen hat sie mit einem echten Imageproblem zu kämpfen: Von vielen Mitarbeitern wird sie schlicht ignoriert, moniert die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Einer repräsentativen Umfrage von TNS Infratest zufolge nutzen zehn Prozent der Befragten die Pause selten oder nie. 20 Prozent nehmen die Pausen nur verkürzt in Anspruch. Davon kann beim Großversender Otto jedoch keine Rede sein, hier dauert ein Culture Club eine gute Stunde, und die wird weidlich ausgenutzt. Jürgen Bock hat die Geschichte eines amerikanischen Kriegsveteranen ausgewählt, der aus dem Golfkrieg versehrt nach Hause zurückkehrt und den Rest seines traurigen Lebens auf Krücken verbringen muss. Bock sagt dazu: „Ich liebe es, wenn Menschen über sich hinauswachsen.“ Der arme Mann wird immer fetter und unglücklicher, bis er im Internet auf den einzigen Yoga-Lehrer trifft, der ihn nicht als einen hoffnungslosen Fall betrachtet. Eisern beginnt er zu trainieren, fällt wie ein nasser Sack zu Boden und steht doch immer wieder auf. „Dass ich es heute nicht kann, bedeutet noch lange nicht, dass ich es nicht eines Tages kann“, bellt er trotzig in die Kamera.

Am Ende des kleinen Films hat er 70 Kilo abgenommen und kann nicht nur humpeln, sondern kraftvoll rennen. Und auf dem Kopf stehen. Einige Otto-Kollegen haben Tränen in den Augen. Diese Mittagspause hätte man auch mit leichterem Stoff verbringen können, etwa im hauseigenen Fitnessstudio, das Otto kühn das größte seiner Art in Deutschland nennt. Doch das wollen die Mitarbeiter des Hamburger Unternehmens nicht. Niemand verlässt den Saal. Die Plätze haben sie sich hart erkämpft.

Denn die Veranstaltung kommt gut an. Der Termin bleibt lange geheim und wird erst eine Woche vorher angekündigt, gemeinsam mit dem Programm. Mal präsentieren sich Großstadtpoeten beim Poetry Slam oder Autoren bei einer exklusiven Lesung, mal gibt es eine Disko mitten am Tag. Schon wenige Stunden nach der Ankündigung sei die Veranstaltung ausgebucht, sagt Bock mit unverhohlenem Stolz. Die Idee: Nach einer inspirierenden Mittagspause gehen die Kollegen wieder motivierter an ihre Arbeit. Und es ist ein originelles Angebot, um sich als guter Arbeitgeber in Szene zu setzen.

Nicht mit Unterhaltung überrumpeln

Das ist wichtig für die Otto-Gruppe. Schon allein für die Jagd nach guten Leuten. Um mit der coolen Konkurrenz mithalten zu können hat Bock manches versucht. Auch einiges, das gehörig schiefgegangen ist. Der Filmclub abends, also „after work“, kam nicht so gut an. Nach Feierabend strömen die Mitarbeiter lieber nach Hause als ins Otto-Kino. Dann ist er mit seinen überschäumenden Ideen in die Kantine gegangen, sogar eine Band hat er dorthin geschleppt, die den Kollegen vor ihren dampfenden Tellern ordentlich eingeheizt hat. Der Protest kam postwendend. Lass uns wenigstens in der Mittagspause in Ruhe, schimpften manche genervt. Bock hat das eingesehen; auf Unterhaltung, auch auf gute, muss man gefasst sein. So provozieren selbst die talentiertesten S-Bahn-Musikanten Unmut, wenn sich die Passagiere von ihnen überrumpelt fühlen. Doch in der Lounge 6 fühlt sich niemand überrumpelt.

Viele Unternehmen haben die Mittagspause schon für sich entdeckt, auch wenn es in Deutschland niemand so auf die Spitze treibt wie die Otto-Gruppe. Sicherlich, ausgiebige Business Lunches gab es schon immer, drei Gänge beim Edelitaliener. Aber die Ideen werden immer ausgefeilter: Jetzt wird die Mittagspause vollgestopft mit Vorträgen und Netzwerk-Events, die stilvoll „Luncheons“ genannt werden. Vor allem das Thema Frauenförderung wird gerne in die Mittagszeit gelegt. Berater, Kanzleien oder Agenturen laden dann Mitarbeiter und Kunden zu einem Vortrag über Achtsamkeit oder den richtigen Führungsstil mit anschließendem Gedankenaustausch in „betont lässiger Atmosphäre“, wie es gerne heißt.

Die Möglichkeiten zur Zerstreuung sind mannigfaltig, das ist zunächst einmal ein großer Vorteil. Nur wenn die Teilnahme Pflicht ist, wird es zum Problem. Vor allem dann, wenn man sich keine Zeit mehr nehmen kann für das, was man wirklich in seiner Mittagspause tun möchte. Und das kann für jeden anders aussehen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Wahlkampf im kommenden Jahr wird wohl mit beispielloser Härte geführt werden.

Neue Umfrage : Misstrauen gegen jedermann in Amerika

Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.

Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.
Gebannte Blicke im Königreich: Am Mittwoch soll Königin Elizabeth II. den neuen Premierminister ernennen.

Regierungswechsel in London : Die Woche der Entscheidung

In Großbritannien beginnt eine innenpolitisch spannende Woche. Die Tories wählen einen neuen Vorsitzenden und damit zugleich den neuen Premierminister. Wir fassen zusammen, was wann geschieht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.