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Müdigkeit und ihre Folgen : Schlaflos in der Arbeitswelt

Müdigkeit am Arbeitsplatz kann lähmen - und ernsthafte Folgen haben. Bild: Picture-Alliance

Stress, lange Arbeitswege oder nimmermüde Kleinkinder: Berufstätige schlafen immer weniger. Mit Folgen für ihre Gesundheit. Aber auch für ihre Arbeit.

          Neulich im Atelier ist ihm ein echtes Malheur passiert. Stefan Reinhard Becker-Schmitz hatte mal wieder kaum geschlafen: Seine drei Jahre alte Tochter versuchte gerade, trocken zu werden - das hieß Bettwäsche wechseln, manchmal mehrmals in der Nacht. „Natürlich konnte die Kleine hinterher nur schlecht wieder einschlafen, weshalb meine Frau und ich oft die halbe Nacht im Kinderzimmer verbrachten“, erzählt der Künstler aus Moers am Niederrhein. Es war an einem Morgen nach einer solchen Nacht, der etwa fünften schwierigen in Folge. Becker Schmitz* stand vor einem seiner großformatigen Bilder. „Ich wollte so eine Stelle bearbeiten, an der die Farben ganz besonders miteinander reagierten.“ Er tauchte den Pinsel ein und verunstaltete mit wenigen Handgriffen nicht nur das aktuelle Werk, sondern bespritzte dabei auch noch mehrere andere Leinwände mit halbfertigen Bildern. Innerhalb von Minuten hatte er die Arbeit vieler Monate ruiniert. „Wenn ich derart übermüdet bin, stehe ich komplett neben mir“, sagt Becker Schmitz. „Ich verliere den Blick für das große Ganze. Mittlerweile habe ich mir vorgenommen, nach schlechten Nächten nicht mehr an großformatigen Bildern zu arbeiten. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Dabei läuft eigentlich alles so glatt in Becker Schmitz’ noch junger Künstler-Karriere: Schon während seines Studiums an der Freien Akademie der bildenden Künste in Essen (FADBK) erhielt er mehrere Stipendien und wurde Meisterschüler von Wolfgang Hambrecht und Stephan Paul Schneider. Schon bald nach dem Studium konnte er von der Kunst seinen Lebensunterhalt bestreiten, sogar an das Museum Kunstpalast in Düsseldorf hat er schon verkauft. Seit diesem Jahr lehrt er außerdem an der Hochschule für Bildende Künste und an der FADBK in Essen. „Seitdem ich Vater bin, macht mir Müdigkeit immer wieder im Berufsalltag zu schaffen. Manchmal auch, wenn ich vor meinen Studenten stehe“, sagt er. Dann sei es zuweilen schwierig, immer hundertprozentig präsent zu sein.

          In der heutigen Arbeitswelt immer relevanter

          Er ist nicht allein. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin klagen 37,6 Prozent der männlichen und sogar 41,8 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen über Müdigkeit und allgemeine Erschöpfung am Arbeitsplatz. Etwas mehr als 6 Prozent der Männer und fast 13 Prozent der Frauen sind deshalb sogar in ärztlicher Behandlung. Schlafmediziner glauben, dass Übermüdung ein Problem ist, das in der heutigen Arbeitswelt immer relevanter wird. „Die Anforderungen steigen und damit der Stress. Und die Arbeitswege werden immer länger, was oft zu früherem Aufstehen führt“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

          Bis zu 15 Prozent der Deutschen schlafen chronisch unerholt, besagen mehrere Studien - das heißt entweder zu kurz, mit zu vielen Unterbrechungen oder zur falschen Zeit. Das hat Folgen für die Gesundheit. „Ich gehe davon aus, dass der Wecker ein ebenso großes Potential zur Schädigung des menschlichen Organismus hat wie Alkohol, Rauchen und illegale Substanzen zusammen“, sagt Kunz. Dabei könne das menschliche Gehirn einzelne schlechte Nächte durchaus gut verkraften. „Problematisch wird es, wenn man regelmäßig unerholt schläft.“ Dann beginne das Immunsystem zu leiden, Betroffene werden anfälliger für Stoffwechselstörungen, bekommen mit höherer Wahrscheinlichkeit Diabetes und werden eher übergewichtig.

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