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Mobilität im Beruf : Der Mythos vom globalen Manager

Einfach auf und davon? So mobil sind Topmanager eigentlich gar nicht! Bild: dpa

Mit Millionengehältern sollen Führungskräfte von einem Wechsel zur Konkurrenz im Ausland abgehalten werden. Aber ist die Wirtschaftselite so mobil, wie sie gern tut?

          Wenn in Deutschland über die Höhe von Managergehältern gestritten wird, argumentieren die Verteidiger sehr hoher Vergütungen gerne mit dem Markt. „Wir müssen unser Gehaltsgefüge im internationalen Vergleich betrachten“, wird etwa Rupert Stadler, der Vorstandsvorsitzende des Autoherstellers Audi, zitiert. Schließlich stehe man nicht nur mit den Produkten im internationalen Wettbewerb, sondern auch bei den Führungskräften, findet Stadler, der für seine erfolgreiche Arbeit im Dienste der Volkswagen-Tochtergesellschaft selbst jährlich Millionen kassiert. Im Jahr 2011, als VW-Chef Martin Winterkorn mehr als 17 Millionen Euro einstrich und damit eine öffentliche Debatte auslöste, flossen auch auf Stadlers Konto mehr als 7,5 Millionen Euro.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Was Autokonzernen recht ist, ist den Banken nur billig. Auch nach der Finanzkrise verdient die Führungsriege der Geldhäuser weiterhin prächtig. Jürgen Hambrecht, einst Chef des Chemiekonzerns BASF und Mitglied der Vergütungskommission der Deutschen Bank, nannte die Neureglung der Bonisysteme für die Deutschbanker eine „marktkonforme“ Entlohnung, die im weltweiten Wettbewerb mithalten kann. „Sonst ist die Bank nicht in der Lage, die besten Talente anzuziehen.“

          Die Logik leuchtet Außenstehenden zunächst auch ein: Wenn internationale Konzerne um die besten Manager buhlen, müssen die Gehälter konkurrenzfähig sein. Sonst droht einem ganzen Wirtschaftsstandort Gefahr. Dass es diesen globalen Managermarkt überhaupt gibt, daran scheint in einer zunehmend globalisierten Welt kaum jemand zu zweifeln. Oder wie ist es anders zu erklären, dass es zu dieser Frage bislang relativ wenig Forschung gibt, obwohl die Höhe der Managergehälter derart polarisiert?

          Die Chefs bleiben lieber zu Hause

          Umso interessanter ist deshalb eine neue Studie des Darmstädter Soziologen und Elitenforschers Michael Hartmann. Darin kommt Hartmann, der sich in früheren Arbeiten schon kritisch mit dem Thema Leistungseliten auseinandergesetzt hat, zu einem klaren Ergebnis: „Die hohen Gehälter können nicht mit einem internationalen Markt für Topmanager gerechtfertigt werden.“ Nur ein einziger deutscher Manager führt eines der hundert größten Unternehmen in einem anderen großen Industrieland.

          Damit bestätigt der Soziologe die Kernaussagen seiner ersten Untersuchung vor zehn Jahren. Hartmann ging bei der Neuauflage nach demselben Verfahren vor: Untersucht wurden Nationalität sowie Bildungs- und Karrierewege der Spitzenmanager der jeweils hundert größten Unternehmen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, der Vereinigten Staaten von Amerika, Japans und Chinas sowie der 30 größten Italiens und Spaniens. Für Deutschland wurde dabei die „Liste der 100 größten Unternehmen“ benutzt, welche die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ regelmäßig veröffentlicht.

          Generell sieht der Wissenschaftler die allgemeine Aussage von 2005 bestätigt, „dass die These von der globalen oder internationalen Businesselite nicht die Realität beschreibt, sondern einen Mythos“. Allerdings unterscheiden sich die Entwicklungen in den untersuchten Ländern. Demnach kam es im letzten Jahrzehnt mit Blick auf die Internationalisierung des Topmanagements zu einer deutlichen Polarisierung zwischen den acht Ländern. Auf der einen Seite stehen mit Deutschland und Großbritannien zwei europäische Staaten, deren Spitzenmanager mit 15 beziehungsweise 33 Ausländern in ihren Reihen und Auslandserfahrungen bei knapp der Hälfte beziehungsweise knapp einem Viertel der einheimischen Manager deutlich internationaler aufgestellt sind als vor zehn Jahren - auch wenn die Ausländer an der Spitze der deutschen Großkonzerne immer noch überwiegend aus benachbarten Ländern wie Österreich oder den Niederlanden stammten, die uns auch sprachlich und kulturell nah sind. Am anderen Ende des Spektrums stünden China und Japan, wo es laut Studie nicht nur weiterhin faktisch kein Ausländer an die Spitze eines Großunternehmens geschafft habe, sondern im Gegenteil - und im Unterschied zu allen anderen Ländern - auch der Anteil der auslandserfahrenen einheimischen Topmanager rückläufig sei.

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